Wenn der Versuch gemacht werden soll, eineArt photographischen Bildes der montanwirtschaftlichen Lage der Bundesrepublik zur Jahreswende 1953/54 zu geben, dann sollen weder die düsteren Partien überschätzt noch die Lichtseiten überbetont werden. Wir wollen die Tatsachen und die wirksamen Einflüsse auf die Waage legen, wobei wir diesmal die Fragen des Binnenmarktes in den Vordergrund stellen wollen.

Strukturumbruch bei Kohle

Nicht nur bei Eisen und Stahl, auch bei Kohle beginnt ein tiefer Umbruch der Marktstruktur. Was sich dabei auf dem Walzwerksgebiet schon seit einigen Jahren in Deutschland ankündigte, ist bei Kohle erst in den jüngsten Monaten mehr und mehr sichtbar geworden. Werden die Statistiken der Kohlenwirtschaft betrachtet, dann kann leicht die Schlußfolgerung gezogen werden: Der Kohlenmarkt normalisiert sich. Sicherlich sind die Kohlenverbraucher in Industrie und Haushalt sehr vorsichtig geworden. Sicherlich sind sie auch im Verbrauch von Kohle weit sparsamer als noch in jenen Jahren, in denen Kohle ein wirklich billiger Brennstoff war. Dennoch steigen die Absatzzahlen und zugleich gehen die US-Kohlenimporte stark zurück. 1953 wird Westdeutschland nur noch etwa 2,8 bis 3 Mill. t Kohle aus den USA importiert haben, gegenüber 7,5 Mill. t 1952 und 5,8 Mill. t 1951. Was jetzt an Kohle hereinkommt, läuft fast ausschließlich über Hamburg und Bremen und dient zur Versorgung der Gas- und Elektrizitätswerke und gewisser Industrien der Küstengebiete. Über die Rheinmündungshäfen läuft keine Kohle mehr ins Ruhrgebiet. Inwieweit 1954 der Kohlenimport noch zurückgehen wird, läßt sich schwer beurteilen. Die westdeutschen Kohlenimporteure haben jedenfalls die Verlängerung der Importlizenz bis Ende 1954 beantragt.

Gleichgültig, wie hoch 1954 die US-Kohlenimporte werden können: sicher dürfte sein, daß diese Kohle einen echten marktwirtschaftlichen Druck auf den deutschen Kohlenpreis ausüben wird. Die USA werden 1953 rund 18 Mill. t Kohle exportiert haben, gegen 29,7 Mill. 1952 und 36,6 Mill. 1951. Außer Westdeutschland hatten Schweden, Holland, Spanien, Italien und Griechenland diese Kohle aufgenommen. Da innerhalb der USA eine sehr schwierige Absatzlage für den US-Kohlenbergbau vorliegt – Öl ist der große Konkurrent –, drängt die US-Kohle stark in den Export, und zwar zu Preisen, die bei den heutigen Seefrachtsätzen niedriger sind als die deutschen Inlandspreise plus Bahnfracht Essen–Hamburg.

Für den Ruhrbergbau drängt sich noch ein anderer Konkurrent langsam, aber sicher in empfindliche Nähe: das Öl. Es ist geradezu erstaunlich, in wie vielen Industriebetrieben zahlreicher Wirtschaftszweige und vor allem in wie vielen Eisen- und Stahlwerken das Öl neben der Kohle steht und Boden gewinnt. Immer wieder wurde uns auf unsere Fragen geantwortet: "Bei den jetzigen Kolenpreisen müssen wir, um konkurrenzfähig zu bleiben, auf das Öl als Brennstoff zurückgreifen." Die Techniker stellen Versuche an, dem Öleine größere Bedeutung beizumessen. Wir haben Hüttenwerke, in denen bereits 10 v. H. des gesamten Energieverbrauches einschließlich Strom und Ferngas vom Öl eingenommen wird, wo vor kurzem aber an diese Möglichkeit überhaupt noch nicht gedacht wurde.

Im Bergbau ist diese Entwicklung nicht unbekannt geblieben. Führende Männer des Bergbaues ermahnen daher ihre eigenen Kreise zur vorsichtigen Lohn- und Preispolitik, arbeiten an einem steten Strukturwandel des Bergbaues vom reinen Förderbetrieb zur Kohlechemie und beginnen aus Steinkohle Öle in größerem Umfange herzustellen und als Brennstoff zu liefern. Bemerkenswert ist hierzu die Wiedergabe eines Gespräches auf einem Hüttenwerk. Da war zu hören: "Auch wir sind jetzt zu Öl übergegangen, und zwar auf Mineralöl und Steinkohlenteeröl. Die Ursache war zunächst, weil wir nicht genügend Ferngas erhielten. Heute sind es jedoch überwiegend kostenmäßige Überlegungen. Das Verhältnis Ferngas zu Öl liegt wie 100 : 60. Rund 25 v. H. unseres ehemaligen Ferngasbezuges wird bereits auf unserer Hütte durch ölfeuerung ersetzt."

Außer der US-Kohle drückt also nun auch das Öl als Konkurrent auf den Kohlenabsatz an die Industrie. Die Dieselölzüge der Bundesbahn und die Pläne, auf dem billigen Braunkohlenstrom größere Teile des Eisenbahnnetzes zu elektrifizieren, verschärfen diese Entwicklung. Sie wurde in den letzten Monaten und wird in der Gegenwart konjunkturell verstärkt durch die erheblichen Kokshalden die bereits langsam zu Schwarzpreisen ins Rutschen kommen, d. h. zu Preisen unter dem normalen Satz. Im Ruhrgebiet wird z. B. Zentralheizungskoks vom Handel in einem Preisspielraum zwischen 88 und 105 DM die Tonne angeboten, bei unverändertem Zechenpreis von 63 bis 65 DM ab Zechentor.