Von Günther Timer

Einige Begabung vorausgesetzt, gilt doch wohl immer noch nur die eine Alternative entweder man muß schreiben, oder man will schreiben. Mit anderen Worten, man tut es auch, wenn man dabei hungern müßte, oder man wählt es als Broterwerb. Dies sei eine Überspitzung, werden viele einwenden: "Aber auch wenn im täglichen Arbeitsprogramm des Schriftstellers heute die Grenzen häufig verfließen, so wird doch er selbst früher oder später unweigerlich vor diese innere Entscheidung gestellt, und empfängt von daher seine Prägung."

Daß sich solche Klärung frühzeitig vollzieht, ist jedem Autor wohl im Interesse seiner Entwicklung zu wünschen, sonst bleibt er wie Gerhart Pohl mit seinen Erzählungen Wieviel Mörder gibt es heute? (im Lettner-Verlag, Berlin) in einem Mischmasch aus Ambition und Unzulänglichkeit stecken. In dieser Sammlung von Kurzgeschichten unter einem sprachlich weder einwandfreien noch inhaltlich passenden Titel wird das Schicksal offensichtlich zur Erschütterung des Lesers bemüht. Hier und dort werden ein paar Töne angeschlagen und ein Ausrufezeichen dahintergesetzt. Seht, so ungeheuerlich ist das Leben! – Nein, so ist es nicht, verehrter Autor. Nicht von so frisierter Dramatik! Und wenn einen schauert, so allenfalls vor der armen, mißhandelten Sprache. Es ist doch ein eigentümliches Mißverständnis, anzunehmen, die Magie ließe sich aus dem Wort wie aus einer Zitrone pressen. So bleiben denn solche zerknautschten Wortgebilde auf der Strecke wie: "Väterei" – "die Betränte" – "die Männin" – und schlimmere.

Nach Angabe des Verlages ist dies Buch ein Querschnitt durch das erzählerische Schiffen des Autors, und man stellt etwas betreten fest, daß das Produkt mit den Jahren immer wortwilder geworden ist.

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Um so befriedigter legt man den Erstlingsroman von Ruth Park aus der Hand, der unter dem Titel Glück – gezahlt in kleiner Münze im Carl Schünemann-Verlag, Bremen, erschienen ist. Die Geschichte dieser Familie Darcy, die in den Slums von Sidney, im Milieu des Hafenviertels lebt, ist bei all ihrer derben Realistik mit so versponnener Lebenssehnsucht erzählt, daß man aus jeder Seite eine drängende Begabung herausspürt. Mit einem scharfen und doch heiter-naiven Blick erfaßt die Dichterin im Getümmel dieser sozial und moralisch etwas zwielichtigen Welt die Menschen und ihren kleinen Schicksalsweg durch den Alltag. Ob nun Vater Hughie, der zum Wochenende mit Sicherheit betrunken ist, ob der kleine lautlose Chinese mit seinem Fruchthandel, die spitznasige Untermietern mit ihrem unehelichen Kind oder der alte Sonderling mit seinen Magenkrämpfen: man kann sie nicht alle aufzählen, die da im schmutzigen Geschachtet der Elendsquartiere zusammengepfercht miteinander leben und ganze Menschen sind. – Doch ist, was diese Milieuschilderung zum Rang einer Dichtung erhebt, etwas anderes: Unter der Kakophonie der Oberstimmen schwingt rief und verhalten als Grundmotiv die Liebe! Mächtig in der alten Mutter, die mit Jammern und Fluchen den magischen Kreis um die Ihren zieht; zart und glaubensselig in ihrer Tochter Roie, die trotz Fehlgeburt und erster Enttäuschungen Geliebten dieses Kreises immer neuen Anfang findet.

Freilich fehlt es in manchem noch an Reife. Im Überschwang junger Erzählerfreude gerät der Verfasserin bisweilen zuviel Farbe unter den Pinsel, so daß die Schilderung eher flächig als tief wirkt und im Elendsmilieu ermüdet. Die Quantität tut es nicht, und sie sollte wissen, daß es doch nur eine einzige Wanze war, die mit Gottfried Kellers "Die drei gerechten Kammacher" in die Weltliteratur einmarschiert ist. Aber zu solcher Beschränkung muß man wohl schon Abstand zum Leben und auch zu den Wanzenstichen haben. – Heinz Kotthaus sei Dank für die ausgezeichnete, auch im Jargon geglückte Übertragung.