Ein Jahr relativ friedlicher ökonomischer Entwicklung liegt hinter uns. Waren die Jahre vorher von der Korea-Politik und ihren ökonomischen Folgen bestimmt, so regierten 1953 zwar noch z.T. die Korea-Ausläufer; in der Tendenz aber wurden die aus der Wirtschaft stammenden Kräfte wieder bestimmend. Es war ein Jahr der Normalisierung. Und wenn in einem Land die Marktwirtschaft regiert, wie es bei uns – mit Ausnahmen: wie speziell Landwirtschaft und Wohnungsbau – der Fall ist, dann kommen in einem normalen (besser: normalisierten) Friedensjahr die saisonalen Tendenzen stärker zum Durchbruch. Die Zeiten des Mangels – mit der Folgewirkung, daß der Kaufkraftbesitzer dann kauft, wenn er eine Ware "sieht", nur um sie zu haben, in der Vorstellung, morgen, könnte sie nicht mehr da sein – sind glücklicherweise vorbei. Die "Saison-Stöße" geben aber neue Probleme auf. Betrachten wir nur das letzte Jahr: In den ersten Monaten 1953 war die Aktivität gering. Im März lebte die Bautätigkeit wieder auf, im Rahmen der hier regierenden 9/10-Zwangswirtschaft gut durchfinanziert. Das war der erste Impuls. Dann begannen die ökonomischen Wahlvorbereitungen, die richtig dosiert wurden; nicht weil gewählt wurde (das hätte eher das Gegenteil vermuten lassen), vielmehr weil die Situation es zuließ: im April/Mai wurden die Gehälter der öffentlich Bediensteten aufgebessert; im Juni/Juli trat die "Kleine Steuerreform" nach langen Stadien der Diskussion in Kraft. Das waren weitere Kaufkraftimpulse. Der hinter uns liegende Sommer hat daher – entgegen der sonst üblichen Sommersaisonflaute – nur eine geringe Einbuchtung in die industrielle Produktionskurve gebracht. Dann kam der Herbst mit neuem Produktionsrekord, weil die vorhandene Kaufkraft es zuließ. Lag der Höhepunkt 1952 im November mit der Kennzahl 167 (1936 = 100), so wurde dieser Stand heuer schon im September fast erreicht (165). Für November stellte sich die industrielle Produktion auf 178.

Zieht man das Fazit aus diesen Zahlen, so ist zu sagen, daß die Konjunktur im letzten Jahr nicht schlecht war. Vielleicht war sie sogar gut. Vielleicht aber haben wir uns schon daran gewöhnt, in jedem Jahr neue Erfolge als selbstverständlich hinzunehmen. Hier scheiden sich die Geister: Kann es immer so verlaufen? Oder besteht die Gefahr, daß es einmal anders wird?

Da müssen wir Herrn Keynes zu Rate holen. Der richtig verstandene Keynes hat sein Verdienst: Er hat es wieder zur gängigen Münze gemacht, daß man, ohne Preissteigerungen befürchten zu müssen, so lange der Wirtschaft wohldosierte Spritzen verabreichen kann, als Rohstoffe ohne Preiserhöhungen zur Verfügung stehen, Arbeitskräfte ohne Lohnerhöhungen noch in den Arbeitsprozeß einzuschleusen sind und (allgemein) Kapazitäten brachliegen. Wir sind erst am Rande der Vollbeschäftigung. Noch also gibt es Arbeitskräfte. Die Rohstoffe sind während 1953 im Preis nicht gestiegen. Sie standen vielmehr in ausreichender Menge zu gedrückten Preisen zur Verfügung, mit Ausnahme der Ruhr-Grundstoffe, die sich erst spät an den Markt (nach zwei Jahrzehnten gebundener Preise) gewöhnen "durften". Und daß es noch besser ausnutzbare Kapazitäten in Deutschland gibt, ist ebenfalls nicht zu leugnen. Also kennte man "spritzen". Und man hat gespritzt.

Das eine Medikament entstammt dem Außenhandel, das andere dem Bundesfinanzministerium, das dritte (nicht minder wichtige) kam von Seiten Erhards. Dieser Mann, den man in des USA als das personifizierte deutsche Wirtschaftswunder betrachtet, bringt es seit 5 1/2 Jahren fertig, der Wirtschaft eine solch optimistische Erwartung einzuflößen, daß die Mehrzahl der Unternehmer im Sinne Erhards in einem weiteren Aufschwung ihren Vorteil sieht. Und weil alle die gleichen Erwartungen hegen –, treten – man nenne es "List der Idee" – die Erwartungen auch (cum grano salis) ein. Wir fliehen in die Produktion, wir fliehen nach vorn. Wir dürfen es uns auch leisten, nach vorn zu fliehen – solange wir nur die Grenzen kennen.

Mit dem Außenhandelsmedikament tat es folgendes Bewenden: Seit dem Zusammenbruch des Koreabooms hat sich bei uns überraschend stark das Verhältnis der Ausfuhr- zu den Einfuhrpreisen gebessert. Von Mitte 1951 bis Mitte 1953 sind unsere Einfuhren um durchschnittlich 25 billiger geworden, während die von uns erzielten Ausfuhrpreise weitaus geringer gefallen sind. Konkret für dieses Jahr: Die deutsche Ausfuhr ist, soweit schon Zahlen vorliegen, 1953 gegenüber 1952 wertmäßig um 6 %, mengenmäßig um 13 % gestiegen, während die Import mengen im gleichen Zeitraum sich um 16 % erhöhten und die Importwerte etwa gleich geblieben sind. Dafür gibt es folgende Beispiele: Von den für uns interessanten S:andard-Welthandelsgütern haben (nach Angaben der Hamburger Kreditbank) im Verlauf des letzten Jahres 12 im Preise über 10 % nachgegeben, 3 über 5 %, weitere 3 mehr als 2 % und 2 bis 2 %. Demgegenüber sind nur 4 über 10 % gestiegen, 1 Ware über 5 %, 2 über 2 % und weitere 2 bis 2 %. Bei der Ausfuhr konnten sich typische Produkte deutscher Erzeugung (Investitionsgüter und Chemikalien beispielsweise) bei rückläufiger Weltmarktentwicklung weiter durchsetzen.

Die Verbesserung der Einfuhr- und Ausfuhr-Preis-Relationen, der "terms of trade", hat uns einen Zahlungsbilanzüberschuß gebracht, der es erlaubt, über die Verzinsung und Abtragung der Londoner Schulden wieder eines Tages als guter Schuldner in der Welt bekannt zu werden. Die verbesserten "terms of trade" bestimmen aber auch unsere gesamte Außenhandelssituation in den drei überkommenen Zahlungsräumen: Unsere EZU-Überschüsse (multilaterales europäisches Clearing) verpflichten uns zu weiterer Liberalisierung und legen den Gedanken nahe, daß ein günstiger Zeitpunkt zur Verwirklichung der Konvertibilität erreicht ist. Wir können (freier Dollar-Zahlungsraum) die Dollar-Einfuhren allmählich liberalisieren. Und es ist wirklich Zeit zu Überlegungen, ob man nicht (bilateraler Bereich) einen Großteil der mit diesen Gebieten laufenden Abkommen (Blickpunkt Südamerika) abbauen sollte. Man denke nur an das aktuelle Beispiel Kolumbien: Für den Kolumbianer ist es heute oft billiger, im Transit über USA gegen freie Dollar deutsche Waren einzukaufen, als die Direktpreise im Verrechnungsabkommen zu akzeptieren. Man denke auch an Brasilien: Man muß den Import erleichtern, um wieder zu Geld zu kommen.

Die Folgen des Zahlungsbilanzüberschusses sind zweierlei Art: Wollen wir weiter günstig im Markt liegen, obwohl die Rohstofferlöse unserer Exportpartner rückläufig sind, dann müssen wir kreditieren – bis hin zum glatten Kapitalexport. Und zweitens: Die Nettodevisenüberschüsse werden als Zentralbankgeld in die Wirtschaft eingeschleust. Und was mehr Zentralbankgeld bedeutet, liegt auf der Hand. – Das also ist das eine Medikament, der erste Impuls.