B. G., Karlsruhe

Vor Jahresfrist hatte die Stadt Karlsruhe einen Wettbewerb für den besten Entwurf einer Kongreß- und Sporthalle, die sich in das repräsentative Gelände zwischen Stadtgarten, Konzerthaus, Stadthalle und Vierordtsbad einfügen sollte, ausgeschrieben. Professor Schellings Entwurf wurde mit dem ersten Preis ausgezeichnet: Zeichnungen und Modell zeigten ein Gebilde aus Glas und Beton, das von einem gesschwungenen Dach abgeschlossen wurde. Dieses Dach ist nicht nur für die Karlsruher zu einer Sensation geworden, sondern auch für die Bauwelt des In- und Auslandes. Es schwebt wie das leichte Oval einer Wolke schwerelos vor der Kulisse des benachbarten Stadtgartens. Der Schellingsche Entwurf schien den Gesetzen der Schwerkraft Hohn zu sprechen.’ Die Materie war aufgelöst. Man sprach nicht mehr von Trägern, Pfeilern und Fundamenten, man sprach von Musikalität. Lange Zeit diskutierten die Karlsruher leidenschaftlich das Für und Wider des neuen Stils. Die einen sprachen von Experimenten und die anderen von architektonischer Artistik. Allen war jedoch der Bau der "Schwarzwaldhalle" – so wurde das neue Kongreßgebäude benannt – zu einem Projekt persönlichen Interesses geworden.

Als man nach knapp viermonatiger Bauzeit daran ging, den Wald von Gerüsten und Verschalungen "abzuholzen", wurde die eigenwillige Architektur offenbar. Wie ein Schmetterling aus der Puppe schälte sich die Kongreßhalle aus dem Gerüst. Jetzt stand die umstrittene Idee des Architekten in Beton und Glas vor dem Beschauer. Das schwungvolle Gebilde besteht aus 4500 Kubikmetern Beton, 9000 Tonnen Kies, 260 Tonnen Stahlstäbe, über 2300 Tonnen Zement und aus 2000 Quadratmetern Fensterglas. Die Halle überdacht einen Raum von 3000 Quadratmeter, der bei Bestuhlung 4500 und bei Sportveranstaltungen bis zu 15 000 Besucher aufnehmen kann. Bis zum 1. Mai 1954 soll auch der Innenausbau vollendet sein. Bei einem Probekonzert des Deutschen Sängerbundes erwiesen sich die akustischen Verhältnisse als so gut, daß man daran denkt, in der Schwarzwaldhalle auch Sinfoniekonzerte zu geben. Bisher fand schon eine Ausstellung darin statt, und ein "Eisballett" trat auf mit Maxi und Ernst Baier.

Der 49jährige Professor Schelling, der seine Ausbildung an der Technischen Hochschule Karlsruhe erhalten hat, hat sich schon lange mit den Problemen des modernen Bauens und vor allem mit denen der freien Überdachung von Großräumen beschäftigt. Er sagte: "Im Laufe von Jahrhunderten kam man von der Kuppel zum Trägerdach. Aber beide Methoden fordern große Höhen. Wenn wir bei der Überdachung von 3000 Quadratmeter Grundfläche ein Trägerdach verwandt hätten, wären wir auf eine Dachhöhe von sechs bis sieben Metern gekommen. Unser starres Hängedach, das im Spannbetonverfahren hergestellt wurde, ist lediglich 60 Millimeter stark."

Am Anfang der Hängekonstruktionen steht gewissermaßen die Erfahrung mit der "Überlandleitung". Was dort Kabel und Drähte sind, ist hier ein Netz von sogenannten Vorspannseilen. In das Hängedach der Schwarzwaldhalle sind Spannstäbe aus hochwertigem Stahl in einer Gesamtlänge von zwölf Kilometern eingezogen. Die Deckenlast wird auf einem ringsum laufenden Druckgurt übertragen, der sie wieder an Pfeiler und Streben weitergibt. "Die statischen Berechnungen", sagt Schelling, "sind nicht nur für die Laien ein Buch mit sieben Siegeln, sondern oft auch für die Fachkommissionen, die uns aus allen Teilen der Welt besuchen." In Zusammenarbeit mit Statikern großer Baufirmen und der Technischen Hochschule sind die Berechnungen durchgeführt worden. "Die Praxis hat jedoch bisher alle unsere Erwartungen übertroffen. Das Dach ist elastisch und fest zugleich. Bis jetzt konnten wir in der Deckenkonstruktion noch nicht einmal einen haardünnen Riß feststellen", triumphierte Karlsruhes berühmtester Architekt.