In Deutschland erweckt der Name Coty nur Erinnerungen an Parfüms, die vor dem Kriege en vogue waren. In Frankreich weiß man zwar, daß der neugewählte Präsident der Republik nichts mit dem Parfümeur zu tun hat, der eigentlich Sportuno hieß und ein rechter Abenteurer war. Viel mehr wissen aber auch die meisten Franzosen, nicht von ihrem künftigen Staatsoberhaupt, das am 17. Januar sein Amt antritt. Statt einer populären Persönlichkeit, wie etwa Auriol, haben die auf ihre Macht bedachten Parlamentarier einen Unbekannten gewählt. Damit sind sie in der Tradition der Dritten Republik geblieben, die Deschanel einem Clemenceau, Doumergue einem Painlevé, Doumer einem Briand und Lebrun einem Herriot vorzog.

Coty ist aber nicht nur das kleinere Übel, auf das sich die hoffnungslos verzankten Abgeordneten und Senatoren aus Ermüdung und Überdruß im dreizehnten Wahlgang einigten, bedrängt von empörten Telegrammen ihrer Wähler, den Sarkasmen der Pariser Presse und nicht zuletzt von ihren Frauen, die ihre Männer am Weihnachtsabend zu Hause haben wollten. Gerade weil Coty durch keinen übermäßigen Ehrgeiz, aber auch durch keinen Skandal hervorgetreten war, stellte er unter dem Dutzend Prätendenten auf das höchste Amt der Republik den idealen Kandidaten dar, der sich in dem siebentägigen Kampf durch keine. Intrigue kompromittiert und mit niemandem verfeindet hatte: eine vermittelnde, die Parteigegensätze ausgleichende Persönlichkeit und dazu ein rechtschaffener Ehrenmann. Besonders in schweren Zeiten vertraut sich Frankreich lieber einem soliden Hausvater als einem seiner brillanten politischen Matadore an. Trotz der Verwirrung und Ratlosigkeit, die das politische Leben Frankreichs gegenwärtig kennzeichnen und die der Kongreß von Versailles in so eklatanter Weise offenbart hat, mag doch bei der Wahl Cotys über allen Parteihader der gesunde Instinkt gesiegt haben, der Frankreich noch immer am Rande des Abgrunds gerettet hat.

Enttäuscht sind allerdings alle diejenigen, die sich von der Wahl eines neuen Präsidenten jene Erneuerung der politischen Sitten erhofft hatten, nach denen sich das Land sehnt. Aber diese Enttäuschung mag sich als ebenso voreilig erweisen, wie alle Hoffnungen, die von konservativer Seite auf das neue Staatsoberhaupt gesetzt werden. Gewiß gehört Coty zum konservativen Mittelstand und zum politischen Personalbestand der Dritten Republik, der sich in die Vierte hinübergerettet hat. Sein Vater war Direktor einer Privatschule und sein Schwiegervater ein kleiner Schiffsbauer in Le Havre. Seine politische Karriere hat Coty in sechsundvierzig Jahren langsam, aber beständig durch Kommune, Kanton, Arrondissement und Departement in die Abgeordnetenkammer und in den Senat geführt, dessen Vizepräsident er seit Januar 1949 ist. Er hat stets zur gemäßigten Rechten gehört, und seine Wähler in Le Havre sind ihm ohne Unterbrechung eine Generation lang treu geblieben.

Aber es gibt in der traditionellen Laufbahn dieses maßvollen und toleranten Politikers, der seine Gegner zu dem gleichen Respekt zwingt, den er ihnen entgegenbringt, doch etwas, was über das rein Konservative hinausgeht und in die Zukunft weisen könnte. Der Doktor der Rechte und der Philosophie hat sich stets für Verfassungsfragen interessiert. Schon in den zwanziger Jahren hat er als Abgeordneter in der Kammer eine Kommission zur Reform des Staates ins Leben gerufen, deren Vizepräsident er wurde. Er befürwortete eine Änderung der Verfassung von 1875, um die Stabilität der Regierung und die Autorität des Staates zu erhöhen. Im Oktober 1945 trat er in die erste und im Juni 1946 in die zweite verfassunggebende Versammlung ein. In beiden hat er, wenn auch vergeblich, den damals herrschenden Einfluß der Kommunisten bekämpft, die darauf ausgingen, das Staatsoberhaupt, die Regierung und den Senat zu schwächen und alle Macht von der Exekutive in eine einzige Kammer, in die Nationalversammlung, zu verlegen. Im April 1951 wurde er Berichterstatter des Senatsausschusses für die Reform des Wahlrechts, und zuletzt wurde er vom Senat beauftragt, die Entwürfe für eine Änderung der Verfassung von 1946 auf einen Nenner zu bringen.

Der heute Einundsiebzigjährige scheint die idealen Vorstellungen seiner Jugend von Staatsautorität und Regierungsstabilität nicht ad acta gelegt zu haben. In der Ansprache, die er nach seiner Wahl bei dem Empfang durch das jetzige Staatsoberhaupt Auriol hielt, erinnerte Coty daran, daß er vor einem Vierteljahrhundert in der Kammer einen Entschließungsentwurf eingebracht hat, in dem es hieß: "Wir dürfen nicht vergessen, daß ein Regime sich nur zu erhalten vermag, wenn es sich zu reformieren vermag." Der Reformwille, von dem Coty beseelt ist, hat gewiß nichts Revolutionäres, was dem Temperament des umsichtigen und vorsichtigen Normannen zuwider ist, aber er. scheint die Beständigkeit zu haben, die ebenfalls eine normannische Tugend ist. Vielleicht kann Coty Frankreich auf den Weg zur Erneuerung führen, deren es so dringend bedarf, und ihm eine Revolution ersparen.

Bei aller Biederkeit könnte dieser gesittete und erfahrene Politiker beispielhaft wirken. Wird er die Einigkeit, die er als künftiges Staatsoberhaupt im Kongreß gefunden hat, auch in der Nationalversammlung zustande bringen, wenn er ihr am 17. Januar einen neuen Regierungschef vorschlägt? Die absolute Mehrheit des Kongresses ist noch keine Gewähr für eine relative Mehrheit der Nationalversammlung. Der wilde Kampf des Kongresses hat die Krise der Einheit Frankreichs nicht, nur offenbart, sondern auch gesteigert. Die letzte Regierungskrise dauerte fünf Wochen, vom 21. Mai bis zum 26. Juni. Für die Bewältigung der nächsten Krise steht nur eine Woche zur Verfügung, vom 17. bis zum 25. Januar, an dem Frankreich auf der Berliner Konferenz durch eine aktionsfähige Regierung vertreten sein sollte.

Aber selbst wenn Coty bis dahin einen der Nationalversammlung genehmen Ministerpräsidenten findet, so bleibt noch immer die Frage offen, wie sich der neue französische Außenminister in Berlin verhalten wird. Mag Coty etwas europäischer gesinnt sein als sein Vorgänger Auriol, er ist zu vorsichtig gewesen, um sich je auf die Europa-Armee festzulegen. Auch mit Coty geht der Westen ungewiß in die Verhandlung mit der Sowjetunion.

Paul Bourdin