In der deutschen Großchemie ist ein neuer Stern zum Strahlen gebracht worden: die Chemische Werke Hüls AG‚ Marl-Recklinghausen. 1935/36 auf dem Reißbrett der Konstrukteure entstanden, 1938/39 auf der grünen Wiese als großtechnische Kautschuksyntheseanlage mit 40 000 bis 45 000 Jahrestonnen Bunakapazität errichtet, gehörte dieses Werk zu den modernsten industriellen Großbetrieben Deutschlands, als der Krieg zu Ende gegangen war. Seine Zugehörigkeit zu IG Farben (74 v. H.) und sein technischer Zustand trugen ihm die besondere liebevolle Aufmerksamkeit der alliierten Demontagespezialisten ein. Nun ist am 19. Dezember das Werk aus der alliierten Kontrolle entlassen worden. "Wir sind ein sehr aussichtsreiches und lukratives Unternehmen geworden", erklärte der Liquidator, Dr. Reuter, auf einer Pressekonferenz.

Die Verwaltungsaußerungen über die Gegenwartslage und die Zukunftsaussichten von Hüls lauteten zwar sehr positiv, wurden aber leider nicht durch ausreichende Bilanzdaten unterbaut. Die Verwaltung kündigt für das auf 120 Mill. DM angesetzte neue AK der mit Wirkung vom 1. Januar 1953 zur AG umgewandelten, bis dahin als GmbH geführten Gesellschaft die Aufnahme der Dividendenzahlung an. Sie berichtete, daß nach 20 v. H. Umsatzsteigerung gegenüber 1952 rd. 300 Mill. DM Jahresumsatz in 1953 erreicht und der Exportanteil auf 34 v. H. gebracht werden konnte: Außerdem habe das Werk von der IG Farben AG i. L. ein Investitionsdarlehen von 34,8 Mill. DM erhalten, das in Form einer 36 Mill. DM Schuldverschreibung in die zu gründende Holding von Hüls eingebracht werde.

Die Neuorganisation sieht folgende Konstruktion vor: IG Farben verkauft 24 v. H. – 28,8 Mill. DM und der andere Großaktionär, die Bergwerksgesellschaft Hibernia AG, Herne, 1 v. H. – 1,2 Mill. DM des neuen Hüls-AK an die (offenbar deshalb) neugegründete Kohleverwertungs-GmbH. Essen, die ihrerseits zu je einem Drittel der Gelsenberg-Benzin AG, der Ruhrgas AG und der Steinkohlen-Elektrizität AG gehört. Die bei IG Farben i. L. verbleibende Beteiligung an Hills von 50 v. H. 60 Mill. DM und die schon erwähnte Schuldverschreibungsanleihe werden in die noch zu gründende Chemie Verwaltungs-AG, die sogenannte "Hüls-Holding", eingebracht. Deren AK von 60 Mill. DM wird im Verhältnis von 1000 RM IG-Aktie zu 60 DM Holding-Aktie an die Inhaber von Liquidationsanteilscheinen der IG ausgeschüttet. Praktisch sind also künftig die IG Nachfolgeaktionäre mit 50 v. H. und Hibernia und Kohleverwertung mit je 25 v. H. in Hüls-AK vertreten.

Das Unternehmen stellt einen großen Wert dar. Dazu einige Daten. Die Anlagen dürften gegenwärtig einen Wiederbeschaffungswert von 400 bis 450 Mill. DM ausmachen. Sie sind in einer Vermögensübersicht per 1. Januar 1953 mit 165,07 Mill. DM aktiviert. Seit 1945 bis Ende 1953 wurden 120 Mill. DM neu investiert, davon allein 30 Mill. DM in 1953. Die jährlich zu erwirtschaftende Abschreibungsumme dürfte zwischen 22 bis 25 Mill. DM liegen und deckt damit zu etwa 80 v. H. das künftige Investitionsbedürfnis. Die Restbeträge sind durch die Teilschuldverschreibungsanleihe auf Jahre hinaus gesichert. Die Geschäftslage wurde in der Pressebesprechung als gut bezeichnet:

Mit Hüls ist das fünfte und damit letzte Unternehmen unter den großen Nachfolgern der IG konstituiert worden. Nachfolgende Tabelle zeigt die Größenverhältnisse dieser fünf Unternehmen auf Basis der Ziffern von Ende 1952:

Zum Fall "Bekanntgabe der Neuordnung von Hüls" ist noch etwas zu sagen. Das Gründungskommuniqué und die Pressekonferenz zeigten recht deutlich, daß das Unternehmen auf dem Gebiet der Publizität noch keinerlei Erfahrungen gesammelt hat. Dies mag hauptsächlich wohl die Folge des GmbH.-Zustandes und der Zugehörigkeit, zum IG-Konzern (die praktisch die Form einer Betriebsgesellschaft hatte) sein. Das Gründungskommuniqué ist viel zu dürftig und nichtssagend abgefaßt. Es unterscheidet sich von der auf dem Entflechtungs- und Neugründungsgebiet üblichen und notwendigen Publizitätsform in negativer Weise. Da das Unternehmen, aber nunmehr, eine selbständige AG geworden ist, möchten wir der Verwaltung empfehlen, der künftigen Publizität eine große Sorgfalt zu widmen.

Folgende acht Fragen wurden leider (und wirklich unverständlicherweise) von der Verwaltung mit "Nein" bzw. mit der Erwiderung "Keine Antwort" beantwortet: Die Jahresabschlüsse bis 31. Dezember 1952 sind von der Gesellschafterversammlung und der Alliierten Kontrollgruppe genehmigt worden: könnte die Wirtschaftspresse zum Verständnis der Gegenwartssituation Einblick in diese Abschlüsse bekommen? Der Jahresabschuß per 31. Dezember 1952 zeigt einen Verlustvortrag von 5,15 Mill. DM; in welchen Jahren und mit welcher Tendenz, steigend oder fallend, ist dieser Verlustvortrag entstanden? Zu welchem Zins wird die Teilschuldverschreibungsanleihe ausgegeben? Reichen die im Gründungskommuniqué erwähnten 3,35 Mill. DM Rücklagen, für Ausfuhrförderung für das Exportgeschäft aus? Welche Gruppen des Produktionsprogrammes liegen gut, welche schlecht im Export? Wie ist zur Zeit die Ertragslage im Exportgeschäft und welche Tendenz zeigt sie? Könnte, wie schon 1951 einmal, der Anteil der einzelnen Produktionsgruppen innerhalb des Gesamtumsatzes mitgeteilt werden? Was darf man unter der Ankündigung, daß eine Dividende ausgeschüttet wird, verstehen und liegt diese Ankündigung etwa 19 der Größenordnung, die gegenwärtig von einigen der großen Nachfolgeunternehmen genannt wird, nämlich etwa 8 v. H.?