Während des jüngsten amerikanischen Zeitungsstreiks haben die New Yorker Fernsehgesellschaften versucht, Streikbrecher zu spielen. Sie sendeten "mit dezenter Begleitmusik", wie es in den Meldungen heißt, Nachrichten, Kommentare und sogar auch Inserate. Auf dem Bildschirm erschien, wie beim Empfangsapparat des Fernschreibers, Buchstabe für Buchstabe, Zeile für Zeile – dreißig Wörter in dreißig Sekunden, wobei der Schlager "La vie en rose" den Text von Eisenhowers Rede über die Atombomben untermalte. Der Versuch fand nur teilweise Beifall, weil das geringste Zittern des Bildes die Schrift unleserlich und die Nachricht wertlos machte. Und das war ein verdienter Mißerfolg, denn hier hatte – abgesehen davon, daß Fernsehen und Zeitungsleser ganz verschiedene Dinge sind – die Technik in ihrer Sucht nach Perfektion die ihr gemäßesten Mittel – Bild und Witz der Menschen – übersprungen, und war bei einer platten Primitivität gelandet. Bild des Menschen und menschlichen Witz zeigen in wirklich amüsanter Weise der deutsche Hör- und Sehfunk. Hier sind in der letzten Zeit einige Sendereihen mit Journalisten entwickelt worden. Die Parole ist: weg von der gesprochenen oder photographierten Nachricht, hin zur lebendigen Information und Glossierung! Aus einer Stegreifplauderei zum Beispiel können Hörer und Zuschauer mehr an Wissens- und Beherzigenswertem erfahren als aus der technisch perfekten Registrierung von Neuigkeiten: Hauptsache ist Schlagfertigkeit und der heitere Menschenverstand. Durch diese Qualitäten haben sich schon der freitägliche Kölner "Stammtisch" (UKW West) und der sonntägliche "Journalisten-Frühschoppen" aus Bonn (UKW West und Nord, und seit einem Vierteljahr auch im Fernsehen) ein großes Publikum erworben. Neuerdings sind zwei weitere Unternehmungen mit günstigem Start angekurbelt worden, bei denen aber jeweils nur zwei Sprecher in Aktion treten. Jeden Wochentagabend um zehn Minuten nach zehn unterhalten sich im Kölner Funkhaus eine männliche und eine weibliche Stimme, an jedem Tag ein anderes Paar, über auffallende und ausgefallene Ereignisse der vergangenen vierundzwanzig Stunden, aus denen sich die "Welt am Abend" zusammensetzt (UKW West). Der Fernsehfunk hat für solche Stegreifgespräche noch günstigere Möglichkeiten. Er kann die Gesprächspartner dem Zuschauer ins Zimmer zaubern und ihn so noch unmittelbarer beteiligen. Die mittwochliche Sendefolge "Unter uns gesagt" greift diese Chance originell auf. Bei einer Flasche Whisky unter einer Palme unterhalten sich Hans Rudolf Berndorff und Josef Müller-Marein so zwanglos und improvisiert, wie sich eben zwei gut aufgelegte Leute nach Abschluß ihres seriösen Tagewerks unterhalten. Sie wollen keine Standpunkte verfechten, sie wollen nicht diskutieren, nicht attackieren, sie sind nur offenbar davon überzeugt und wollen auch den Zuschauer überzeugen: auch ernste Sachen können mit Humor behandelt werden, und keine Sache ist so heiß, daß sie nicht durch Humor temperiert würde.

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Wir werden hören:

Donnerstag, 31. Dezember, 20.00 vom Südwestfunk:

Während die Bühnen am Silvesterabend heitere Stücke zu spielen pflegen, fühlten sich die Sender in den letzten Jahren meist verpflichtet, das schwere Geschütz von Beethovens Neunter Sinfonie aufzufahren (in diesem Jahre tun das nur noch der RIAS, 18.15, unter Ferenc Fricsay; am Neujahrtag, 20.50, folgt der NWDR mit Hans Schmidt-Isserstedt am Pult). Der heiteren Note des Tages entspricht eher eine andere Sinfonie Beethovens, die Achte, die Ernest Bour mit dem Südwestfunkorchester spielt. Seltsamerweise ist dieses schwereloseste Werk Beethovens ein Stiefkind des Funkprogramms geworden, das ja überhaupt von den Klassikern aus kaum ersichtlichen Gründen einige Werke anderen vorsieht (so gab es z. B. bis vor kurzem in keinem deutschen Bandarchiv eine Aufnahme von Bruckners Erster Sinfonie in der Linzer Fassung, und die vortreffliche Aufführung von Radio Bremen am 20. Dezember unter Siegfried Goslich war tatsächlich die Funkuraufführung dieses genialen Werkes!).

Von allen Sendern (19.10 vom NWDR, Bremen und München, 19.45 von Frankfurt, RIAS, Stuttgart und SWF):

Die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten.