Auf der Tagung der Chemischen Industrie in Baden-Baden hat der Bundeskanzler wieder einmal die Aufmerksamkeit der anwesenden Industriellen auf die große wirtschaftliche Bedeutung einer angemessenen Bewertung der geistigen Arbeit hingewiesen. Die Chemische Industrie war für einen solchen Vorstoß eine besonders günstige Plattform, weil der geistige Arbeiter gerade in der Chemie eine besonders markante Rolle spielt. Die moderne wirtschaftliche Entwicklung hat aber auch in allen übrigen Zweigen der Wirtschaft dem geistigen Arbeiter ein stärkeres Betätigungsfeld und eine größere Verantwortung zugewiesen. Dies gilt keineswegs allein für die rein technischen Entwicklungsarbeiten, sondern auch für die geistige Vorbereitung des Produktionsprozesses und seine Durchführung bis zur kaufmännischen Verwirklichung des Betriebszieles: dem Absatz der verkauften Erzeugnisse. Aber auch außerhalb der Wirtschaft hat der geistige Arbeiter heute größere Aufgaben. An die leitenden Beamten werden heute ebenso größere Anforderungen gestellt, wie auch an die gesamte Skala der mittleren und unteren Beamten.

Stellt man den gewachsenen Aufgaben die Bewertung (die Bezüge) der geistigen Arbeit gegenüber, dann ergibt sich hier unverkennbar eine Rückläufigkeit. Dies ist besonders dort häufig der Fall, wo früher Repräsentationsgelder oder andere zusätzliche Summen bezahlt wurden, die der Sparsamkeit geopfert werden mußten. Berücksichtigt man aber die steigenden Kosten der Lebenshaltung, dann ergibt sich für sehr breite Schichten geistiger Arbeiter sogar ein Absinken des Realeinkommens, das in den höheren Einkommensstufen durch die Steuererhöhungen noch vergrößert wird. Selbst dort, wo der geistige Arbeiter durch eigene schöpferische Tätigkeit noch verhältnismäßig hohe Nominaleinkommen erwirtschaften kann, da ist es um die Lebenshaltung auch nicht günstig bestellt, weil er im allgemeinen nur äußerst schwache Möglichkeiten eines Ausweichens in die Spesen hat, so daß die hohen Einkommen mehr oder weniger weggesteuert werden.

So haben die letzten Jahrzehnte unverkennbar ein scharfes Absinken der sozialen Stellung für die geistigen Arbeiter gebracht. Dieses Absinken steht in einem krassen Gegensatz zu dem Aufstieg der technischen Arbeiter, insbesondere der Facharbeiter. Allerdings werden an die Arbeiter heute ebenfalls erheblich größere Ansprüche gestellt als etwa zu Beginn des Jahrhunderts. Die Automaten der Industrie bringen wohl eine Verringerung des mechanischen Arbeitsaufwandes, dem aber die Oberwachung als zusätzliche geistige Tätigkeit gegenübersteht. Die Spitzenfacharbeiter müssen zwar auch eine besonders gute Handfertigkeit haben, jedoch ist im allgemeinen die geistige Beherrschung des Produktionsprozesses nicht weniger wichtig. Die steigenden Facharbeiterlöhne stellen daher nicht nur einen Anteil an die allgemein gestiegene Produktivkraft der Wirtschaft dar, sondern darüber hinaus auch eine Anerkennung der erhöhten Leistungen.

Die Arbeiterschaft möge hier also nicht den Vorwurf einer Überbewertung des technischen Arbeiters heraushören. Die Lohnsteigerungen der Arbeiterschaft sind ein wirtschaftlicher Prozeß, der durch die Erhöhung der Massenkaufkraft nicht unwesentlich zur Sicherung einer günstigen Konjunktur beigetragen hat und auch in Zukunft beitragen wird. Aber gerade wenn man die Zukunft unserer Wirtschaft und unseres Volkes sichern will, dann muß nunmehr endlich auch die geistige Arbeit wieder höher bewertet werden. Die Nivellierung der Einkommen hat den Nachwuchs schon sehr stark von der geistigen zur technischen Arbeit abgezogen. Nachdem in nicht wenigen Fällen die Realkaufkraft des Facharbeiters sogar diejenige des geistigen Arbeiters übersteigt, setzt sich diese Entwicklung in erschreckendem Maße fort. Man muß dabei vor allen Dingen berücksichtigen, daß Spitzenleistungen der geistigen Arbeit nur dort möglich sind, wo eine breite Schicht Leistungsfähiger die Grundlage für den Aufstieg besonders Erfolgreicher bildet. Das Genie wird nur selten schon in der Jugend erkannt. Der normale Verlauf der Dinge ist doch so, daß im Laufe der Berufsjahre eine Stufe nach der anderen erklommen wird, bis im reifen Alter auch die Spitzenleistung erreicht wird. Wo der breite und leistungsfähige Berufsnachwuchs fehlt, da muß der gesamte Fortschritt verkümmern.

Deswegen ist die Rivalität der Einkommen für die breiten Schichten der technischen und der geistigen Arbeiter so bemerkenswert gefährlich. Beim technischen Arbeiter wird der Mangel an Eignung viel schneller erkannt als beim geistigen Arbeiter. Der wirklich Leistungsfähige strebt deshalb zu den schneller erreichbaren Einkommen des Arbeiters hin, während die geistige Arbeit auf einen Nachwuchs verwiesen wird, welcher auf die Dauer den gestellten Anforderungen nicht mehr genügt. So ergibt sich ein ständiges Absinken der Leistungsfähigkeit für die geistige Arbeit überhaupt.

Manche Klage in dieser Hinsicht ist schon heute vollauf berechtigt, obwohl gerade Deutschland auf einem sehr soliden Fundus geistiger Arbeit aufbauen kann, der auch unabhängig von den materiellen Erfolgen noch eine starke Anziehungskraft ausübt. Andererseits sind aber auch alle Anzeichen eines ständigen Absinkens zu sehen und sie sollten zeitig genug beachtet werden. Die Mahnung des Bundeskanzlers, die sich vor allen Dingen an die Unternehmer wendet, sollte aber auch in der Verwaltung nicht überhört werden. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß gerade in der Verwaltung allzu leicht übersehen wird, wie durch ein Absinken der qualitätsmäßigen Leistungen zusätzliche Arbeiten geschaffen werden, zu deren Bewältigung man neue Kräfte einstellt. Der beste Weg zum Personalabbau in der Verwaltung wäre zweifellos eine angemessene Besoldung, die genügend Anziehungskraft auf solche Persönlichkeiten ausübt, welche bereit und gewohnt sind, flott zu arbeiten und schnelle Entschlüsse zu fassen. m