Von Carl Neumann, Wuppertal

Im westdeutschen Bundesgebiet ist die Textilwirtschaft organisatorisch aufgeteilt in die Textilindustrie und in die Bekleidungsindustrie. Die folgenden Ausführungen betreffen nur die Textilindustrie. Sie gehört zu den klassischen Konsumgüter Industrien, in denen weitgehend echte, vielfach schonungslose Wettbewerbsverhältnisse herrschen. Die kleine und mittlere Industrie zeigte sich den Großbetrieben gegenüber in der Regel durchaus gewachsen. Die Fertigungsstufen umfassen die Herstellung von chemischer Faser und endlosem Faden, von Garnen aus natürlichen und chemischen Fasern, von Geweben und Gewirken aus diesen Garnen sowie das große Gebiet der Veredlung. Von der billigen Gebrauchsware bis zur extravaganten Modeschöpfung reicht die Skala der Angebote. Im Jahre 1953 überschritt die Beschäftigtenzahl 600 000. Die Produktion erreichte im Oktober mit dem Index 162,9 den Nachkriegshöchststand (Basis 100 im Jahre 1936). Trotz des eingetretenen Preisrückgangs dürfte der wertmäßige Umsatz des Jahres 1953 den des Vorjahres noch übertreffen. Schätzungen rechnen mit 12,3 gegenüber 11,9 Mrd. DM.

Das Angebot blieb im Berichtsjahr größer als die Nachfrage. Wäre der gegenwärtig erreichbare Umsatz in baldiger Zukunft nicht auszudehnen, so müßte also eine Produktionseinschränkung erfolgen. Die Textilindustrie bemüht sich, den Bedarf weiter anzuregen, und bedient sich hierbei der Spielregeln der Mengenkonjunktur. Der Preisindex für die Lebenshaltung der mittleren Verbrauchergruppen (1950/100) sank von einem Jahresdurchschnitt von 103 im Jahre 1952 auf 97 im Oktober 1953. Diese Entwicklung ist nur in wenigen Zweigen der deutschen Gesamtwirtschaft erzielt worden. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Spinnstoffen befand sich ständiger Steigung. Wenn trotzdem der Produktionsanstieg noch nachhaltiger war, so brachten folgerichtig die Auswirkungen dieser Mengenkonjunktur auch Nachteile für die Textilindustrie. Gemeint sind Rentabilitätssorgen, denen schon im nächsten Jahr Rechnung getragen werden muß. Die Betriebsgewinne sanken im Verhältnis zum Umsatz vielfach auf die Hälfte und (keineswegs selten) auf ein Drittel. Unzureichende Verkaufspreise und die oft beschriebene zerstörerische steuerliche Belastung führten zu einer weit über dem Durchschnitt liegenden Verschuldung.

Zur Fortsetzung der von der Textilindustrie gewünschten Mengenkonjunktur, zur Steigerung der Qualität, des Umsatzes und der Rendite – bei womöglich (im Idealfall) noch niedrigeren Preisen – sind wesentliche Voraussetzungen: einmal die Vereinfachung der Sortimente und zum andern die Modernisierung des Maschinenparks sowie die Anpassung der Gebäude an die neuen technischen Bedürfnisse. – Die Frage der Sortimentsvereinfachung entscheidet wahrscheinlich weder der Hersteller noch der Verkäufer; ihre Beantwortung ist im Volkscharakter begründet. Die Bevölkerung könnte besser und billiger bedient werden, wenn die Ansprüche nicht fast ins Uferlose gerieten. Durch Arbeitsteilung innerhalb bestimmter Sparten oder Gruppen läßt sich diese "Sortimentsratianalisierung" nicht in ausreichender Weise durchführen. Hier sind Beschäftigungsgründe maßgebend. Jedes Unternehmen muß langfristig disponieren können. Die Bedienung des Inlandmarktes und der .Exportmärkte erfordert bei der Textilindustrie das bekannte große Brett, auf, dem zu spielen ist. Durch Entwicklungsarbeit kann aber auch der Textilindustrielle zu einer begrenzten Standardisierung beitragen, ohne eine unerwünschte Gleichförmigkeit zu veranlassen.