Wir suchten ein Schloß. Es war wie bei Eichendorff: Das Schloß liegt in der Tiefe der Welt; es wird drüber geschwiegen, wo; und es wartet auf die Brüder der einsamen Wälder. Es liegt nicht da wie ein steinern seelenloses Bauwerk: an seinem vom Bauherrn sorgsam ausgewählten Platz, der durch seine Einsamkeit oder seine Schönheit in der Landschaft gilt, liegt es von immerher mit im Pulsschlag der suchend nahenden Gesellen.

Am Beginn der Irrfahrt nach unserm Schloß waren wir verspätet von einem Freund im Kalenberger Land fortgefahren, nur mit dem Wissen, es steht irgendwo bei Rinteln an der Autobahn, die von Köln kommt. Unsere Straße durchquert das Landmeer des Kalenberger Landes, des teuersten Bauernlandes Deutschlands.

Den Namen des Schlosses natürlich, aus dem man ein Hotel gemacht hat, kennen wir: Ahrensburg. Wir wollen dort übernachten.

Wir haben gefragt und erfahren, es liege "bei Rinteln herum". Aber das ist eine sehr weitläufige Bezeichnung in einem Land, das man nicht kennt, in einem Land, das gebirgig ist. Wir fahren aufs ungefähr der Himmelsrichtung nach, über die auch keine volle Sicherheit herrscht. Sicher ist, daß wir keine Straße mehr unter den Reifen haben, sondern einen Feldweg. Natürlich mit Absicht: Eine Burg liegt nicht an einer Landstraße.

Aber wir waren ganz zweifellos in falscher Richtung. Auf allen Wegweisern standen nie gehörte Namen. Ich hielt den Autoatlas in die Scheinwerfer, aus dem Dorf kamen sonntägliche Burschen. Wir fragten. Da wir gemeint, wir müßten in unmittelbarer Nähe der Ahrensburg sein, erschraken wir an ihrer Antwort, weniger an dem Wortlaut, aber am Ton. Sie verwiesen uns über die steile Pyramide hinüber, als die sich die nächste Höhe vor uns erhob. Als einer von den Burschen von drei Burgen sprach, bogen wir gleich, auf der Flucht vor gesteigerten Komplikationen, in den nächsten neuen Weg ein und waren plötzlich wieder auf der Straße, die wir vor einer halben Stunde verlassen hatten. Wir erreichten einen Flecken: Hessisch-Oldendorf, von dem ich aus einer Erzählung des Tacitus in Erinnerung hatte, daß hier Hermann der Cherusker eine katastrophale Niederlage durch die Römer erlitten hatte. Wenn wir auch noch nicht bis zur Ahrensburg, so waren wir wenigstens bis zu Hermann dem Cherusker geraten und in eine historische Zeitperiode, und da wir sowieso am Rand des Teutoburger Waldes waren, befanden wir uns auf dem richtigen Weg.

Im nächsten Dorf standen wir ebenso völlig unerwartet vor einem Kino, wie vor dem erlösenden Wegweiser. Es war inzwischen Nacht geworden. Auf der Höhe einer Kuppe, die die steigende Straße überkletterte, leuchtete wie aus dem Erdboden heraus und bis unters Dach erleuchtet, ein Haus.

Wir glitten die Landstraße durch eine Waldschlucht hinab, und bald erschien auf der anderen Seite, von einer zwischengeschobenen Geländeerhebung freigeworden, im Wald hochstrebend das Schloß, fast nur mit seinen hellen Fenstern sichtbar. Wir umfuhren es bis auf den Grund des Tals, durch das die Bögen des hohen Viaduktes die Autobahn von einem Berg zum anderen hinübertrugen. Dann erstieg man durch einen Bogen des Viaduktes von neuem die Landschaft, jetzt schon zu Füßen der hohen Maße des Schlosses, das seine Fenster über unsere Stirne strahlen ließ, kurvten den Waldweg hinan, durch das Tor und zu einem der Parkplätze, von dem man zur Eingangstreppe gelangte.

Das Schloß hat keinen historischen Namen und auch keinen historischen Inhalt, auch keinen historischen Firlefanz. Es ist von einer eigentümlichen Sachlichkeit und man mag beim Aufenthalt, der sonst in Ordnung war, gar an einen Bezug zu dem auf technische Sachlichkeit gestellten Charakter der Eigentümerin, der Autobahn, denken. Doch ist die Sachlichkeit nicht etwa neu und nach dem Zeitstil hineingebaut worden. Sie wurde mit übernommen und ist 300 Jahre alt; aber da auch die alte Gliederung der Räume mit übernommen wurde und deren ansprechende Vielfalt, lebt in der angenehmen Spröde dennoch eine Romantik. Freilich, mit seinem nüchternen Untertitel "Autobahn Rasthaus verläßt das Hotel Eichendorff, der uns auf der abendlichen Irrfahrt durch das Wesergebirge ein so einstimmender Begleiter gewesen war. N. Jacques