Von Heinrich Eduard Jacob

Egon Friedell, der ein Spötter war, sagte einmal lachend von Wassermann: "Er soll gerade dabei sein, den Roman einer Hausgehilfin zu schreiben. Dieses Dienstmädchen hat aber einen Vetter. So, muß er die Geschichte verlassen und sich ein wenig dem Vetter widmen. Über Nacht bekommt dieser Vetter einen Großonkel, der wieder drei Nichten, die letzten Endes den gleichen Anspruch auf Wassermanns Erzählen haben..." Das war sehr lustig beobachtet. Nur stand eine ernste Wahrheit dahinter: Auch dem Leben gelingt es nicht, seinen Gobelin zu Ende zu weben.

Es gibt einen "Eros des Erzählens", eine Freude an der Welle des Erzählens, die nicht aufhört. Auf den Sklavenmärkten des Orients begegnen wir ihr das erstemal. Es gab Sklaven und Sklavinnen, die die Funktion des "Erzählers" hatten. Nicht was, sondern daß erzählt wurde, war das Phänomen, das schon früh zu den Griechen hinübergeriet. Selbst ein Herodot erzählte hauptsächlich um des Erzählens willen. In unserer Zeit war Wassermann der inbrünstigste Typ solchen Fabulierens.

Das Lebenswerk Jakob Wassermanns (zum ersten Male fällt mir auf, daß er wirklich ein "Mann des Wassers" war!) ist riesenhaft in der Ausdehnung. Im Gegensatz zu dem anderer Dichter hat es notwendig etwas Flächiges und Flüchtendes (was nun gar nicht etwa dasselbe wie "flach" oder "flüchtig" bedeutet). Einem "Eros des Erzählens" begegnen wir auch in Thomas Manns Jugend. Die bezauberndsten Seiten der "Buddenbrooks" und der "Königlichen Hoheit" verdanken wir dieser hinmurmelnden Lust an der putzigen Zusammenstellung, die das Leben in jedem Augenblick vornimmt. Aber schon in frühen Jahren schränkte Mann die Erzählerlust ein. Der "Zauberberg" war ein "Erziehungsroman"; und er war es nicht nebenher, sondern nach Absicht und Anlage. Und fast alles, was er seither geschrieben, will erziehen. Ernst oder ironisch. Auch Wassermann hat nichts dagegen, wenn seine Leser erzogen werden. Aber niemals kommt es bei ihm zur pädagogischen Diskussion. Eine bestimmte "Tiefenprovinz des Gesprächs" ist ihm versagt. Wie sie ja auch dem Leben vorsagt ist, das, in jedem Augenblick vom Eros der Gestaltwerdung bedrängt, über Stock und Stein dihinströmt...

Im epischen Werk Jakob Wassermanns lassen sich nun mit Deutlichkeit drei verschiedene Stile unterscheiden. Ein Jugendstil und zwei der Reife. Seine Jugendwerke sind romantisch. Der 1873 im fränkischen Fürth Geborene war Romantiker, wie hundert Jahre vor ihm Wackenroder und Tieck. Fürth war eine Handelsstadt, kleinbürgerlichnüchtern. Doch nebenan lag Nürnberg, die Stadt der altdeutschen Wunder. Die Fortexistenz von Sinkt Sebald und der Bildschnitzerei der Sankt-Lorenz-Kirche machten Wassermann zeit seines Lebens zu jenem konservativen Menschen, der eines ehrfurchtslosen Gedankens überhaupt unfähig war.

"Es schienen so golden die Sterne, am Fenster ich einsam stand." Romantik ist Sehnsucht. Seit Eichendorff diese vom Nachtwind schauernden Verse schrieb, hat in deutscher Sprache kaum ein Dichter so schöne Nachtbilder entworfen wie Wassermann in den "Juden von Zirndorf". Wie vollkommen ist das Helldunkel in seinem anderen Jugendroman "Die Geschichte der jungen Renate Fuchs". Die Erzählung liegt eine Weile im Mondlicht, dann bewölkt sich der Pfad – eine Unruhe (die gar nicht durch das Thema erklärt wird) bleibt in unserm Innern zurück. Dasselbe unstillbare Verlangen herrscht in dem Novellenband "Die Schwestern". Solche fast maßlose Hingabe an das Leben des Gefühls ist in höchstem Maße deutsch, wie sie auch sehr jüdisch ist. Kein Zufall: als die Romantik von den wirtschaftsgläubig gewordenen Deutschen längst aufgegeben worden war, zog sie Jakob Wassermann, der Jude, nochmals aus dem Staub. Im "Niegeküßten Mund" gelang ihm die Verklärung einer süddeutschen Landschaft, an die in der damaligen Zeit kaum noch jemand glauben mochte. Hier, wie in den Frühwerken überhaupt, gibt es ein; durchsilberte, altdeutsche Schönheit, die man nur mit Justinus Kerner vergleichen kann oder noch meir mit Achim von Arnims "Isabella von Ägypten". Dem "Volk des Buches" angehörig, liebte Wassermann das Heilig-Alte, besonders, wenn es geheimnisvoll war wie die Geschichte Kaspar Hausers.

Dann aber – er war knapp fünfunddreißig! – hört die Romantik in Wassermann auf. Ohne "soziale Romane" zu schreiben – also gänzlich unberührt von Zola und seinem Naturalismus –, wird er Gesellschafts-Epiker, indem er Berufe und "Typen" ans Licht stellt. Den Kaufmann oder den Offizier, den Rechtsanwalt, den Beamten, den Arzt. Zunächst mit noch unzulänglichem Rüstzeug. Das heißt nicht, daß er seinem Urtrieb, dem "Eros des Erzählens", Lebwohl sagt – doch sein Stil wird knapper. Nicht mehr das feuchte, föhnige Brausen! Goethe, der alte Prosaiker des "Meister" und der "Wahlverwandtschaften", ist über Nacht sein Lehrer geworden. Er denkt viel über Goethe nach und schreibt den Essay "Die Kunst der Erzählung" (den er später zum Teil widerruft), in dem er die älteren Dichter lobt, weil sie auf das malende, individualisierende Adjektiv fast ganz verzichteten und die Erzählung ganz summarisch auf das vorwärtseilende Verb, auf das Prädikat, stellten. Ein gefährlicher Glaube, der die Errungenschaften des modernen Erzählens ganz übersah. Nicht nur – wie die Klassik irrtümlich annahm – kommt es auf starre "Charaktere" oder gar auf "Typen" an: sondern jede Situation im Roman muß ständig durchgespielt sein vom nervlich-seelischen Augenblickswunder. Der verletzlidie Seelenleib einer individuellen Figur ist etwas anderes als ihr "Charakter". Doch der mittlere Wassermann, der, von der Welle des Erzählens getragen, beinahe jedes Jahr einen Roman schreibt, leugnet die Werte des Impressionismus. Er sieht nur noch "typische Charaktere". Da sind "Die Masken Erwin Rainers": die Geschichte jenes Wüstlings, der im Wien von 1908 in der Gesellschaft so viel von sich reden machte, wird fast farblos in seiner Hand. Auch "Der Mann von vierzig Jahren", die Novellen "Der Wendekreis" und "Ulrike Woytich" – der Roman einer machtbesessenen, aber kinderlos bleibenden Frau – versagen sich jeden Pinselhieb über das Typische hinaus. In "Ulrike Woytich" geht das so weit, daß der "Brand des Ringtheaters" (jene bekannte Schreckensnacht des franzisko-josefinischen Wien), von dem die Geschichte eigentlich ausgeht, zwar erwähnt, aber kaum geschildert wird.