Der Bundestagsabgeordnete Thieme von der SPD hat vor kurzem einen katholischen Arbeitskreis in seiner Partei gegründet. Es ist noch nicht bekannt, wer diesem Arbeitskreis angehört. Von den Bundestagsabgeordneten der Partei scheinen es nur wenige zu sein. Der Arbeitskreis ist wohl eher ein auf Bayern und den bayerischen Landtag zugeschnittenes Projekt, wo Thieme mit der Möglichkeit eines Kulturkampfes rechnen zu müssen glaubt. Man weiß nicht, ob er dort mit seinem Aufruf bisher viel Resonanz gefunden hat.

Die SPD-Parteileitung in Bonn, die von Thieme über seinen Plan nicht informiert wurde, steht der Sache ablehnend gegenüber. Eine Partei wie die SPD, die neben Katholiken und Protestanten auch viele Freidenker in ihren Reihen hat, ist natürlich bestrebt, eine Aufspaltung in Diskussionsgruppen, die sich unter Umständen leicht auseinanderreden könnten, zu verhindern. Dem Zusammenschluß der Katholiken würden vermutlich bald die Protestanten und diesen wieder die Freidenker folgen. Thieme scheint das zu wünschen. Er verspricht sich offenbar von einem Durchdiskutieren der unterschiedlichen Auffassungen vom religiösen Standpunkt eine den Zusammenhalt der Partei eher fördernde als gefährdende Klärung.

Auf der Bundesebene bestände für konfessionelle Arbeitskreise nur eine enge Themenstellung. Für die Kulturpolitik sind die Länder zuständig. Gewiß hat der Bund in der Frage der Gleichberechtigung von Mann und Frau zu entscheiden, und es gibt noch einige andere, auf der Bundesebene möglich werdende Fragestellungen, wie etwa die Vertretung der Bundesrepublik beim Heiligen Stuhl (übrigens eine Angelegenheit, in der die Opposition nur einen sehr mäßigen Einfluß wird ausüben können) oder die Auslegung des Konkordats, etwa in bezug auf die Zuständigkeit des Reichskonkordats und der Länderkonkordate. Alles übrige aber ist Sache der Länder.

Vielleicht hat Thieme mit seinem Plan auch einen propagandistischen Effekt im Auge. Vielleicht glaubt er, man könnte mit dem Hinweis auf eine solche konfessionell betonte Zusammenfassung von SPD-Mitgliedern Kritikern, die an das religiöse Gefühl der Wähler appellieren, Wind aus den Segeln nehmen. Im Parteivorstand der SPD befürchtet man jedenfalls, daß eine Aufteilung in konfessionelle Arbeitskreise jenen Arithmetikern, die bei solcher Gelegenheit gleich mit dem Konfessionsschlüssel bei der Hand sind und sofort nachzurechnen beginnen, ob nicht die eine Gruppe gegenüber der anderen zahlenmäßig zu schlecht wegkomme, bald ein dem Parteizusammenhalt abträgliches Betätigungsfeld geben könnte.

Die SPD hat, seitdem kurz nach der Jahrhundertwende einige evangelische Theologen zu ihr gestoßen sind, ihre Stellung zu den Kirchen allmählich grundsätzlich revidiert. Besonders zu der evangelischen Kirche, die ja längst aufgehört hat, eine Staatskirche im monarchischen Sinne zu sein, hat die SPD, besonders nach dem Zusammenbruch des Hitlerreiches, eine gute Beziehung gewonnen, die auf beiden Seiten von früheren Ressentiments frei ist. Zwischen der katholischen Kirche und der SPD hat sich bisher eine solche Annäherung nicht vollzogen. Hofft Thieme, hier ein Wegbereiter werden zu können? Man wird gut tun, das Experiment vorläufig nicht zu überschätzen. F. B.