Der Ernst des Lebens beginnt viel zu früh – Auch die seelischen Kräfte müssen wachsen Von F. K. Madras

Über das Kind und seine Erziehung ist kaum zu einer anderen Zeit so ausgiebig diskutiert und geschrieben worden wie in der Gegenwart. Sowohl die geistige und körperliche, als auch die seelische Gesundheit unserer heranwachsenden Jugend ist Gegenstand vieler pädagogischer und psychologischer Untersuchungen. Nicht immer und überall ist man dabei für das Lebendige und Natürliche offen geblieben, sondern hat leider allzuoft nur das scheinbar Zweckmäßige und den Utilitarismus im Auge behalten. Kinder sollen so rasch wie möglich für das künftige Leben vorbereitet werden, das ist ein Leitsatz moderner Pädagogik.

Je höher hinauf sich ein Lebewesen entwickelt hat, desto länger ist seine Wachstums- und Reifezeit. Der Kulturmensch tritt nicht fertig ausgebildet und gerüstet in die Welt, er benötigt eine lange und sorgfältige Entwicklung, Bildung und Erziehung, damit er dereinst selbständig sein, Leben fristen kann. Statt die Kindheit abzukürzen und allzufrüh den Intellekt zu entwickeln, gilt es also vielmehr, behutsamer und langsamer vorzugehen. Die Jugend ist nämlich eine Zeitspanne, in welcher nicht zuerst die intellektuellen, sondern die seelischen Kräfte entwickelt und gepflegt werden müssen. Je ausgedehnter die Kindheitsepoche ist, desto günstigere Vorbedingungen sind für die Kulturentwicklung eines Volkes geschaffen, weil eben im einzelnen nur dann die Kräfte reifen, die immer neue Kulturgüter und -werte produzieren können. In den Jugend- und Reifejahren, die wir nicht zu eng abgegrenzt haben möchten, muß es dem heranwachsenden Menschen möglich sein, die Kultur seines Volkes, und seiner Umgebung zu erleben und nicht nur wissend zu erfassen. Die besten Kräfte empfangen wir aus der Vergangenheit, aus Traditionen, in die wir aber zutiefst eintauchen müssen. Wir sehen an Völkern, die keine kulturelle Vergangenheit haben und in denen die Erziehung tempogeladen ist, daß aus ihrem Boden auch selten kulturelle Leistungen aufsteigen. Wenn solche Völker eine jahrtausendalte Entwicklung, wie sie Europa hinter sich hat, in wenigen Jahrzehnten nachholen wollen, so ist das für das Volksganze eher schädlich als fördernd, denn nicht nur der einzelne Mensch muß organisch zum erwachsenen, zum ganzen Menschen heranreifen, sondern auch Völker müssen Stufe um Stufe erklimmen, ehe sie ihre Kulminationspunkte erreichen. Dort aber, wo zwar alte Kulturgüter vorhanden sind, die Menschen aber zu rasch geschult, erzogen und ausgebildet werden, also zu früh reif sind, können sie unmöglich in den Geist eindringen, der einst die Werte und Güter geschaffen hat.

Einsichtige Menschen haben sich zusammengeschlossen, um soviel als möglich von überliefertem Gut zu erhalten, der Naturschutz strebt danach, daß es noch unberührte Natur gibt, der Landschaftsschutz, daß nicht jedes Seeufer verbaut wird, der Heimatschutz, daß alte ehrwürdige Baudenkmäler als Zeichen früherer Bau- und Wohnkultur erhalten bleiben. Überall, wo wir einen Zerfall der Kultur feststellen, erheben sich warnende Stimmen. Aber bis heute ist ein ganz wesentlicher Bestandteil dieses kulturellen Erbes kaum beachtet worden, nämlich der des Kinderspiels.

Erwachsene kein Vorbild

Man meint: Unser modernes Leben verlangt, daß auch Spiel, Tanz und Lied das Gesicht unserer Zeit tragen. Im kindlichen Spiel wird das nachgeahmt und gespiegelt, was die Erwachsenen tun. Als noch das Pferd das beste Verkehrsmittel war, genügte der Phantasie des Kindes ein zwischen die Beine geklemmter Stock als Reittier, und seit Homers Zeiten bis in unser Jahrhundert galoppierten Kinder auf Steckenpferden. Oder sie ließen sich in ein Leitseil einspannen und wurden nicht müde im Nachahmen aller Gangarten der Pferde. Heute regieren Fahrrad und Motor die Straße, folglich will auch der Fünfjährige sein Miniaturfahrrad haben. Aber das ist weniger gesund für den im Wachsen begriffenen Organismus. Schon vor über sechzig Jahren äußerte sich der bekannte Turnpädagoge August Hermann über die dem starren System des Fahrrads sehr ähnlichen gymnastischen Apparate: Erst in späteren Entwicklungsjahren, nachdem das Knochengerüst kräftiger und die Muskulatur übungsfähiger geworden sind, sollten die lokalisierten Kraftübungen durch Turnapparate etwas mehr in den Vordergrund treten.

Nun, wir haben auch andere Fortbewegungsmittel, wie etwa den sogenannten Holländer, der mittels Hebels in Funktion gesetzt wird, oder das Trottinet. Sie sind weit weniger starr als das System des Fahrrads, das die Jugend erst ausgiebiger benutzen sollte, wenn das Knochenskelett mit der Muskulatur verwachsen und verankert ist. Ähnliches gilt vom Fußballspiel. Die einseitige Tätigkeit der unteren Gliedmaßen, während die Hände eigentlich nichts zu tun haben, ist nicht das dem Kind Gemäße, denn Kinder (wie auch Naturvölker) treiben gern Fingerspiele. Bedenklicher noch ist die Verarmung des Seelenlebens, wenn das Fußballspiel beim Knaben ausartet und er ihm gänzlich verfällt. Denn das Spiel, auch als psychische Nahrung, muß sich in mannigfachen Varianten offenbaren.