Jede "Prognose" über die kommende Konjunkturentwicklung, die gegenwärtig irgendwo in der westlichen Welt veröffentlicht wird und die eine bestimmte Entwicklung von Produktion und Beschäftigung vorauszusagen wagt, enthält (bewußt oder unbewußt) auch eine bestimmte Prognose der kommenden Konjunkturpolitik: also darüber, was die Regierungen in freier Entscheidung wirtschaftspolitisch tun werden. Darüber jedoch kann es kein "Wissen" geben, sondern höchstens menschliche Erfahrungen und entsprechende Erwartungen mehr oder weniger zuverlässiger Art. Aber gerade hier ist der Punkt, wo das wachsende Wissen um die Probleme, also um das, was tatsächlich gewußt werden kann, das Handeln der Menschen allmählich "vernünftiger" machen soll und zweifellos auch andauernd überlegter und in gutem Sinne planvoller macht.

Konjunkturpolitik ist immer zügelnd und fördernd. Sie ist manchmal beides gleichzeitig, d. h. das eine auf dem einen, das andere auf dem anderen Gebiete, oder in kurzem Wechsel mehr das eine oder das andere. Sie war im abgelaufenen starken Konjunkturaufschwung (etwa in der Bundesrepublik ab Sommer 1948) entsprechend den im ganzen stürmisch nach oben drängenden autonomen Konjunkturkräften, also vor allem dem starken Investitionsdrang entsprechend, im Durchschnitt der Jahre mehr zügelnd und kontrollierend als fördernd. Der Unterschied zwischen den "marktwirtschaftlichen" und den wirtschaftspolitisch mehr nach Grundsätzen der "Vollbeschäftigungspolitik" gelenkten Ländern war dabei im wesentlichen nur der, daß in den "marktwirtschaftlich" orientierten Staaten die "Zügelung" gegenüber der "Förderung" etwas mehr Gewicht hatte, als in den "Vollbeschäftigungsländern".

Schon seit rund zwei Jahren jedoch mehren sich die Anzeichen, daß die Konjunktur der westlichen Welt sich dem oberen Wendepunkt des – durch den Korea-Boom noch einmal verlängerten – Nachkriegaufschwungs nähert, und jetzt, Ende 1953, ist es nach der aus langer Erfahrung, gewonnenen Beurteilung der Konjunktursymptomatik soweit, daß der Wendepunkt offenbar erreicht und vielleicht schön überschritten ist – wenn nun nicht in der Konjunkturpolitik das Schwergewicht mehr als bisher auf die fördernden Maßnahmen verlegt wird. Daß eine solche Schwergewichtsverlagerung nicht nur gefahrlos, sondern mit erheblich positiver Wirkung erfolgen kann, bedarf für den Konjunkturforscher. jedenfalls schon lange keines Beweises mehr. Ob sie – überhaupt oder ausreichend – erfolgen wird, hängt von dem Maß und dem Erfolg der Aufklärungsarbeit der Konjunkturforschung ab, darüber hinaus jedoch ausschließlich von der Wirtschaftspolitik, also dem freien Willensentschluß der wirtschaftspolitischen Führungen.

Der Weg dahin ist schon beschritten. 1953 wird in die Konjunkturgeschichte als das Jahr, einer überraschend begonnenen und absolut richtigen raschen Korrektur der seit Kriegsende anhaltenden und spätestens seit Frühjahr 1951: bewußt geförderten Zinssteigerung eingehen. Die Schwenkung der Diskontpolitik der Notenbanken der westlichen Welt erfaßte beinahe lückenlos alle wichtigeren Staaten.

Das Jahr 1954 muß die entsprechende Schwenkung in der Politik der öffentlichen Finanzen bringen, wenn die konjunkturelle Wetterverschlechterung aufgehalten werden soll. Die Wende in der Zinspolitik war das konjunkturpolitische Vorpostengefecht; die Wende der Finanzpolitik wird die Hauptschlacht sein, die die Entscheidung bringt. Die öffentlichen Finanzen erfassen jetzt in allen Ländern einen derart großen Teil des Sozialprodukts, daß eine Kumulierung von "Spartendenzen" im öffentlichen Haushalt mit dem Überhandnehmen von "Spartendenzen" in der übrigen Wirtschaft (Tendenz, weniger auszugeben als einzunehmen, was nur geht, wenn jemand noch bereit ist, das Gegenteil zu tun) die Konjunkturwende, die erfahrungsgemäß jetzt sozusagen "round the corner" ist, zur vollendeten und unwiderruflichen Tatsache machen würde.

Für die Finanzpolitik ist eine derartige Schwenkung viel schwerer als für die Zinspolitik. Denn während die Kreditpolitik nur das Ziel hat, das Geld gesund zu erhalten, und dazu indirekte Mittel genügen (Veränderungen des "Preises" des Geldes, des Zinses), muß die Finanzpolitik materielle Ziele erstreben, also direkt und selbst "haushalten". In den vergangenen Jahren hat die Haushaltspolitik, auch wo sie konjunkturbremsend wirken wollte und tatsächlich wirkte, sich mehr von der Konjunktur tragen lassen, als daß sie sie gestaltet hätte. Auch die zum Teil sehr erwünschten großen (konjunkturell bremsenden) Etatüberschüsse, zum Beispiel in den USA 1950/51 (im Korea-Boom), waren leider viel mehr die automatische Folge der Konjunktur (Wirksamwerden der Steuerprogression infolge wachsender Einkommen, vor allem bei steigenden Preisen und Löhnen!) als die Folge bewußter Finanzpolitik. Jetzt ist eine in viel höherem Grade konjunkturbewußte Finanzpolitik erforderlich, wenn es gutgehen soll.

Aber auch diese. Wendeist schon "unterwegs", zumindest in den USA. Wie immer spielen bei derartigen Schwenkungen neben konjunkturpolitischen Einsichten noch ganz andere und (leider) stärkere Motive (etwa neue, unabweisbare Rüstungsbedürfnisse, aber auch Sorge der Parteien vor einem Konjunkturrückschlag, besonders bei bevorstehender Wahl) eine Rolle. Wenn eine solche – etwa ausreichende – Schwenkung in den USA auch ein "weltkonjunkturelles" Ereignis ersten Grades wäre, so bedeutete dies doch nicht, daß nicht auch alle anderen Länder ihre eigenen finanzpolitischen Maßnahmen laufend und gründlich auf ihre konjunkturpolitische Zweckmäßigkeit hin überprüfen sollten, also ebenfalls den Wechsel von einer auf den Wogen der (bisher gutgehenden) Konjunktur schwimmenden Finanzpolitik zu einer konjunkturpflegenden Finanzpolitik machen sollten. Dies wäre keine "leichtfertige", sondern allein eine "echte" Finanzpolitik, da keine Finanzpolitik, die 20 bis 40 v. H. des Volkseinkommens über ihre Kassen leitet, sich mehr dem Wahn hingeben kann, daß die Einnahmen "gegeben" oder durch Drehen an der Steuerschraube jederzeit erzielbar seien.