Nach "Brockhaus" ist der Kamin eine offene Feuerstätte, seit dem Mittelalter bekannt und besonders in den romanischen Ländern und in England verbreitet. Er ist aber auch ein Felsschlot, worin der Kletterer sich verspreizen, das heißt mit je einem Fuß an einer Wand stehen kann.

Mein irischer Kamin ist sowohl das eine als auch das andere. Er ist eine Feuerstätte, die ein alter Baum, den ich fällen lassen mußte, weil er den Telefondrähten ins Gehege kam, seit einem Jahre nährt, und, so hoffe ich, noch fünf weitere Jahre mit Brennstoff versorgen wird. Er ist außerdem ein Felsschlot, und was für einer! Aus wuchtigen Felsblöcken wurde er nach einem eigenen Entwurf zusammengemauert, einer Opferstätte ähnlicher als einer Feuerstatt; just eines herrlichen, alten Baumes würdig, der nun zu Glut und Asche werden muß. Und was den Kletterer angeht, der sich verspreizt und mit je einem Fuß an der Wand stehen kann: bei einem Glas Whisky verspreizt man sich abends gern in seinem tiefen Sessel und stemmt die Füße gegen die Felswand, um die Wärme von unten zu genießen, mit einem Buch auf dem Schoß. Die Träume klettern dann leichter.

Ich liebe meinen Kamin. Er entschädigt mich reichlich für die vielen irischen Tiefs, die im status nascendi sehr viel nässer sind als die laut Wetterbericht zum Kontinent exportierten. Bei prasselndem Regen und heulendem Sturm kommt er erst richtig zur Geltung, wird zum freundlichen Hausgeist und Spiegel der guten Laune. Er ist der Mittelpunkt, um den sich an langen Winterabenden die Familie schart.

Abbitte tat ich meinem Kamin, den ich vor vielen Jahren verwünschte, weil der Rauch frischen Holzes in den Augen brannte, weil er mein Gesicht überhitzte, während kalte Schauer über meinen Rücken liefen, und Schreibtisch, Bücher und Bilder jeden Morgen mit Ruß bedeckt waren ... Abbitte tat ich ihm, nachdem ich von einer Reise in die deutsche Heimat zurückgekehrt war, wo ich in einem überheizten Zimmer die trockene Luft des Radiators atmen mußte, so daß mir Schwächeschweiß auf die Stirn trat und meine Lippen fieberten.

Fortan nehme ich alles in Kauf, Zug im Rücken, heiße Nase, Rauchgeruch und Sutt, und sitze dankbarer denn je, sinnend mit der Feuerzange spielend, vor meinem Altar, auf dem ich einen alten, würdigen Baum den Träumen opfere...

Georg Rosenstock