Von Rudolf Borchardt

Es ist ganz grau und trüb, es ist übles Wetter.Es ist keine rechte Sonne, ob sie nun scheine oder nicht. Es ist nichts mit dem ganzen Tage, wenn wir bei der Lampe aufstehen und unser Tagewerk beginnen, und nun schon am grämlichen Nachmittag Straßen auf und ab die Fanale blaß durch den Dunst aufblitzen. Manchen ficht es nicht an, und mancher nimmt es kaum auf, dieser ist verdrießlich, jener flucht, mancher schließlich, aus glücklicher Anlage, teils aus Mache, weil der Sport es neuerdings grad mit dem Winter hat,-oder aus bloßem Widerspruchsgeist, oder, ausnahmsweise aus wirklicher Gegenspannung, ist vergnügter denn je. Gegenspannung gegen was? Was gibt es, was liegt in der Luft? Zum Glück hat man Kalender, in denen das Nötige darüber steht. Das Jahr sitzt auf dem Rest. Es zahlt die letzten Heller aus der fast leeren. Kasse seiner Kraft und hält sich eben grad aufrecht bis der neue Wechsel eintrifft, man könnte spaßen, der neue Jahreswechsel. Aber nach Spaßen ist ihm nicht zumut. Es sieht elend und allerdings ernst aus, das Armutsgesicht der letzten Heller. Wessen? Des Jahres? Aber das ist doch nur eine menschliche Erfindung, dies 19. .-Zählen. Nur?

Doch wohl nicht eben ganz. Der kürzeste Tag ist so wenig von einem Kahlkopf ausgeheckt wie der längste von einem Lockenkopfe. Die Erde an jener Grenze von äußerster Verlassenheit im toten Weltraum, an der sie sich von ihrer Sonnenheimat fast losgeschleudert hat, ist ganz so Wirklichkeit wie die Sonnennächte des Johannistags, die wild von Licht und Glut sechzehn Stunden lang um sich selber wirbelt. Dies Pendel zwischen Äußerstem und Äußerstem, dieser Rhythmus zwischen Entmutigung und Übermut, nennen wir Zeit. Sie ist der Rhythmus des Lebens selber, denn es gibt kein Leben als wärmetrinkendes und lichtessendes auf Erden. Aber die Erde und alles, was sie trägt, ist eine Einheit. Das kleinste Unkraut und das dümmste Tier und der gescheiteste Mensch sind aus den kosmischen Kräften und Stoffen des mütterlichen Sterns ausgeformt und schwingen im Pendelaushub und Pendelrückschwung seines Lebensrhythmus. Drum haben wir Zeit im Blut, eine andere, als die im Kalender steht, eine heimliche. Wir atmen das Jahr mit seinem letzten schwächsten Atem aus, um ein neues einzuatmen. Das ist gar nichts Geringes, und eher zu verwundern, daß es nicht tiefer in uns eingreift. Ganze Reiche des Lebens, in Pflanzen und Tieren, verschwinden mit schwindendem Jahre ins Erdinnere, um den Tod des Jahres dort hungernd und schlafend zu betrügen, Und etwas Geheimnisvolles, in uns ist diesem Einziehen der Lebensfahnen, diesem Unterkriechenwollen und Sichschläfrigstimmen blutsverwandt; aber es ist schon ziemlich bald nach Adam und Eva ausgemacht worden, daß wir diesem eingeborenen Triebe nicht nachgeben, dem uns eingeborenen Rhythmus der Zeit nicht nachleben dürfen, bei Todesstrafe; um uns diesen Rhythmus auszutreiben oder abzugewöhnen, den Menschen von der Erde loszureißen und das göttliche Privileg des Herabschauens auf diese aufzuheben – das heißt auf den Menschen auszudehnen, stahl ein abtrünniger Gott, wie die Griechen fabelten, ihnen das Feuer. Wir ziehen seitdem mit frechen Stirnen, wenn die sonnenflüchtige Erde erfriert, die Blumen einziehen, die Spatzen sich totfallen und die Schwalben Ägyptisch lernen, auf dies gestohlene Guthaben – entschlossene Borger; und inzwischen haben wir, als echte Prometheiden, auch noch dem Blitz eine Falle gestellt, in der er als unser Allerweltspudel, neben anderen Funktionen, Jazz zu spielen, Toast zu rösten, faule Köpfe zu rasieren, auch die vornehmlichste versieht, zu leuchten und zu wärmen, eine Art von zur Sonne gezähmtem Haustier aus dem Weltall.

Nur hat es bei aller Pracht von Schulden des Lebens – und ob man von Schulden lebt oder vom Kapital, solange man sich Kredit erzwingen kann, ist bekanntlich nur vorzeichenmäßig verschieden – etwas auf sich mit einem ausgetriebenen Triebe, er setzt sich unterirdisch durch und kommt an unerwarteten Stellen an den Tag. Gewiß, wir haben uns eine eigene Zeit gemacht, eine Menschenzeit, die nicht rhythmisch ist, sondern gleichläufig, um eine Sechs herum, viermal sechs sind vierundzwanzig, die Stunden, zehnmal sechs sind sechzig, die Minuten, zweimal sechs sind zwölf, die Monate. Stimmt es nicht ganz mit der echten, der einzigen wirklichen Zeit, so flickt man sich durch, was liegt auch daran?

Wir haben auch Zeitfeste gemacht, dieser gemachten Zeit, erste Maie und zwanzigste September, und schenken Kalendergeschenke zu Geburtstagen und Jubiläen Aber so sehr wir schreien, Champagner trinken, Hände schütteln und Lorbeerkränze um zweistellige Zahlen, wie siebzig, auf Stangen stecken – Hand aufs Herz, sind es Feste, ganz richtige? Wenn das Jahr wie eine schwarze Tafel, etwa wie der Nachthimmel, abgebildet wäre, in dessen Zuge alle alten Feste des Menschengeschlechts als Sterne steckten – warum säße dort, wo das Jahr ausatmet, um wieder eingeatmet zu werden, ein so gedrängter Haufe Gestirn? Der Weihnachtsbaum, der Ceppo, der Julklotz, die Saturnalien, das römische Neujahrsopfer, in dessen Altarflamme das Salzkorn hell sprühend zerknisterte, der Epiphaniasstern von Dreikönig und so fort bis zu dem tiefsinnigen Winterfeste der Mutterschaft – Lichtmeß? Weil die einzige dem Menschen eingeborne Zeit nicht nur das Leben aufteilt, sondern die Sterblichkeit, und weil alle Kräfte, die sie vergessen machen wollen, ein Kaff sind gegen die Kräfte, die daran erinnert sein wollen. Uhr und Kalender wollen uns bereden, es sei kein Ende. Wir wissen es besser. Unter dem alljährlichen Schema des Erdenrhythmus von Ausleben und Wiedergeburt fühlen wir den uns zugemessenen, durch keinen Borg zu verkleidenden, Tod und Geburt. Seine Heiligungen liegen als Feste dort, wo wir nicht unterscheiden können, ob die Zeit ein Schmerz ist oder eine Hoffnung.

Aus dem Nachlaß