j. h., Berlin

Das Briefmarkensammeln ist eine Liebhaberei nicht nur der vermögenden Schichten, sondern sie ist auch die Freizeitbeschäftigung vieler Arbeiter und Angestellten. Und besonders ist sie international deutsche Briefmarken werden auf den Faklandinseln und in China gesammelt, Marken Indiens und Uruguays haben ihre Liebhaber in Deutschland.

Diese Sachlage erkannten die kommunistischen Herren der sowjetischen Besatzungszone schon sehr früh und versuchten, sie sich nutzbar zu machen. Die Briefmarkenvereine wurden in den Kulturbund übernommen, und die Philatelie wurde in linientreue Bahnen gelenkt. In Berlin erschien schon kurz nach dem Zusammenbruch im "Expreß-Verlag" der "Sammler-Expreß", eine sogenannte Fachzeitschrift, die lediglich das Ziel hatte, die harmlosen Briefmarkensammler von der Größe der ruhmreichen Sowjetunion und ihres großen Fülrers Stalin zu überzeugen und ihnen die Verderbtheit der westlichen Welt vor Augen zu führen. Da der "SE" die einzige große Briefmarkenzeitschrift in Deutschland war, wurde er auch viel in Westdeutschland gelesen, wo er durch die Post bezogen werden konnte. Die Kommunisten hatten in ihm eine gute Propagandawaffe.

Es ist eine alte Angewohnheit der Sowjets, alle großen Männer mit einem russischen Geburtsschein auszustatten und sie dann vor ihren ideologischen Wagen zu spannen. So verfuhr man jetzt auch bei der Ausgabe neuer Briefmarken und machte sich so Menschen zu eigen, die mit dem Kommunismus nie etwis zu tun gehabt haben und sich heute im Grabe umdrehen würden, erführen sie von ihrem späten Ruhm. Schon 1948 erschienen auf einer Dauerserie neben den Bildern von Marx, Engels, Thälmann und Bebel auch die Köpfe Gerhart Hauptmanns, Käthe Kollwitz’, Friedrich Hegels und Rudolf Virchovs, dann folgte 1949 die Sonderausgabe für Goethe, deren Bilder den großen Dichter aber nicht als Genius des Geistes, sondern als Proleten zeigen. Einen weiteren guten Anlaß gab das Bachjahr 1950 ab, als man Bach eine vier-wertige Sonderserie widmete.

Den eigentlichen Reigen geistiger Annektionen größten Maßstabes eröffnete 1950 eine Sonderserie zur 250-Jahr-Feier der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Euler, beide Humboldts, Mommsen, Helmholtz, Planck, Grimm, Leibniz und Harnack wurden ideologisch salonfähig gemacht. Es folgten Beethoven, Händel, Lortzing und Weber, in einer anderen Serie Victor Hugo, Leonardo da Vinci, Gogol und Avicenna. Zu einem besonders guten Aushängeschild wurde anläßlich seines 100. Todestages der Turnvater Jahn. Des weiteren folgten Heinrich v. Kleist, die Baumeister Knobelsdorff und Balthasar Neumann, der Maler Lucas Cranach und der Komponist Franz Schubert. Den Vogel aber schießt die letzte Serie ab, die unter dem Titel "Deutsche Patrioten" läuft und deren drei erste Werte Thomas Münzer und, man hält es kaum für möglich, Ferdinand Schill und den Marschall Blücher zeigen. Auf dem Ersttagsumschlag, der zu diesen Marken erschienen ist, wird Ernst Thälnann gezeigt. Blücher und Schill neben Thälmann, besser läßt sich wohl kaum zeigen, wie schamlos das sowjetische System sich große Deutsche zu eigen macht und sie schon allein durch die Tatsache daß sie auf sowjetzonalen Briefmarken gezeigt werden, in ein falsches Licht stellt. Bedauerlich ist auch, daß sich die Marken der Sowjetzone dadurch großer Beliebtheit bei allen Sammlern erfreuei, daß sie künstlerisch und drucktechnisch in sehr guter Ausführung erscheinen, was man leider von den Marken der Bundesrepublik nicht sagen kann,

Außerdem erscheinen monatlich Marken aus anderen, unmöglichen Anlässen: Monat der deutschsowjetischen, der deutsch-polnischen, der deutschtschechischen und der deutsch-chinesischen Freundschaft mit den Bildern Stalins, Bieruts, Gottwalds und Mao Tse Tungs, "Radfernfahrten für den Frieden", "Friedens-Messen", "Friedenstage", Jubiläen alter Kommunisten, all dies wird im Markenfeld gefeiert. Zum Karl-Marx-Jahr wurden zehn Briefmarken, vier Blöcke und ein Heft verausgabt, für die zusammen der "fortschrittliche" Sammler über 13 DM-Ost ausgeben muß. Wenn er sie bekommt; denn von den Marxblöcken wurden 250 000 über Export ins Ausland geliefert, 50 000 wurden in der Zone verkauft.