Zu jener Zeit, als es auf der Welt noch Märchen und richtige Tanten gab, wohnte in Hamburg in ihrem Pöseldorfer Hause, inmitten eines verwilderten Gartens, Tante Adelheid. Außer den von Religionsstiftern und Philosophen anempfohlenen Tugenden besaß die alte Dame zwei weitere: sie war in anständigen Grenzen vermögend und eine Koryphäe in der Kunst der Herstellung höchst wohlschmeckenden Festgebäcks. Letzteres pflegte sie zu Weihnachten in zahlreichen Paketen an die weitverzweigte, zum Teil überseeische Verwandtschaft zu versenden.

Der Brauch hatte ungefähr die Jubiläumsreife erreicht, als kurz vor dem Weihnachtsfest 1912 die Vorfreude von Spenderin und Empfängern in jähes Entsetzen umschlug. Vierzehn Pakete waren bereits nach allen Himmelsrichtungen in Marsch gesetzt worden und mußten laut Auskunft befreundeter Reedereien an den Orten ihrer Bestimmung zu dem Zeitpunkt angelangt sein, als Tante Adelheid in der Küche feststellte, daß der kürzlich erstandene Karton mit dem neumodischen Waschpulver spurlos verschwunden sei. Bei der Ordnung, die in ihrer Küche herrschte, gab es für Tante Adelheid nur eine Erklärung: sie hatte das Waschmittel im Drang der Geschäfte mit dem Mehl verwechselt und war nun auf dem raschesten Wege, zur Massenmörderin ihrer Familie zu werden. Da sie nichts, leider gar nichts von der Kuchenmasse zurückbehalten hatte, war ihr auch die Möglichkeit genommen, selbst eine Probe zu wagen und notfalls als Opfer ihres Irrtums tot umzufallen. Verzweifelt begab sie sich zum Gesundheitsamt, wo ein Angestellter seine schläfrigen Züge in Kummerfalten legte und achselzuckend meinte, heutzutage müsse man auf alles gefaßt sein, jedenfalls bezweifle er die Bekömmlichkeit von Waschmitteln. Völlig gebrochen wankte die arme Frau zur Post und gab 14 Telegramme nach Singapur, Montevideo, Barcelona und elf weiteren Städten des Ex- und Imports auf: "Weihnachtspaket sofort ungeöffnet vernichten, da Inhalt lebensgefährlich."

Drei Tage später entdeckte sie das Waschmittel in dem obersten Fach eines Schrankes, wo es sich ihren Blicken bisher mit Erfolg entzogen hatte. Es fehlte kein Gramm in dem Karton, aber vierzehn teure Anverwandte waren telegraphisch um ihr köstliches Weihnachtsgebäck gekommen. Erneute Telegramme erschienen Tante Adelheid mit Recht als nutzlos und einigermaßen blamabel. Gelinden Trost gewährte ihr der Neujahrsbrief des Neffen aus Barcelona: Tante Adelheids Schreckensbotschaft habe ihn glücklicherweise zu spät erreicht, denn niemals sei ihr das Weihnachtsgebäck so vortrefflich gelungen wie in diesem Jahre, und er könne nur jeden von Herzen bedauern, der ihren telegraphischen Rat befolgt hätte. G.