Dd., Wiesbaden

Seit mehr als zwei Jahren ist die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden ohne Oberbürgermeister. Das letzte Oberhaupt, Hans H. Redlhammer, war im Oktober 1951, angesichts des gegen ihn eingeleiteten Strafverfahrens wegen falscher Angaben seines Wiedergutmachungsantrages, vom Dienst suspendiert worden. Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, legte Revision ein und wurde schließlich freigesprochen; denn er hatte nach den Feststellungen des Gerichts keine falschen Angaben gemacht. Inzwischen war der Sommer 1953 herangekommen, und die Kommunalpolitiker. Wiesbadens waren des suspendierten Oberbürgermeisters müde. Mit großer Mehrheit berief ihn das Stadtparlament ab.

Die oberbürgermeisterlose Zeit schien ein Ende zu finden. Zu den Kommunalwahlen am 6. September 1953 präsentierten die Freien Demokraten den früheren Wiesbadener Oberbürgermeister Dr. Erich Mix. Sein Name hatte in der Bürgerschaft einen so guten Klang, daß für die von ihm angeführte Stadtverordnetenliste der FDP 44 000 Stimmen, für die CDU nur 37 000 Stimmen abgegeben wurden, während das Bundestagswahlergebnis vom gleichen Tage genau das umgekehrte Verhältnis zeigte: 37 000 Zweitstimmen für die FDP, 43 000 für die CDU. Daß die Freien Demokraten diesmal mit 22 von 60 Mandaten als die stärkste Fraktion ins Stadtparlament einzogen, verdanken sie offenbar ihrem populären Oberbürgermeister-Kandidaten.

Aber die CDU zog aus dem Wahlergebnis nicht die erwartete Konsequenz –: sie unterstützte die Kandidatur des Dr. Mix nicht; im Gegenteil, sie erteilte ihr eine scharfe Absage: ein Mann, der im Dritten Reich Oberbürgermeister gewesen sei, komme nicht in Frage. Die SPD machte sich diesen Standpunkt zu eigen; ebenso wie die CDU präsentierte sie übrigens keinen Gegenkandidaten.

Einige Wochen lang stand das Stadtparlament ratlos vor seinen Wählern. Schließlich brachte der einstimmige Beschluß der Stadtverordneten, den Posten auszuschreiben, ein paar Monate Zeitgewinn für weitere fruchtlose Gespräche. An die Berücksichtigung der 38 inzwischen auf die Ausschreibungen eingegangenen Bewerbungen war nicht ernsthaft gedacht. Die FDP blieb bei ihrem Dr. Mix, die SPD und CDU blieben bei ihrem Nein. Bis schließlich die Freien Demokraten ihren Kandidaten zurückzogen. Darauf entschloß man sich, die 38 Briefumschläge doch zu öffnen.

Viele fragen heute: Woran ist Dr. Mix wirklich gescheitert? Vielleicht – so antworten viele – gerade an seinen guten Ruf! Dr. Mix hatte in seiner früheren Antwort drastische Sparmaßnahmen und eine möglichst parteifreie Personalpolitik durchgesetzt und aufrechterhalten, bis er gegen Ende des Krieges eingezogen wurde. – Vor einem solchen Spargenie haben die Stadtväter der Kurstadt einen Horror –: dies die Ansicht, die viele Wiesbadener Bürger teilen.