Ein halbes Jahr hat das Führerkollektiv gebraucht, um sich über die Erledigung des Falles Berija durch sechs Genickschüsse schlüssig zu werden. Das ist gewiß nicht durch Gründlichkeit der Untersuchung zu erklären. Der Abschlußbericht der Staatsanwaltschaft und das Gerichtsurteil wiederholen im wesentlichen nur den Inhalt des Kommuniques anläßlich der Absetzung Berijas. Neu ist lediglich, daß Berija seinen 1937 durch Selbstmord geendeten Landsmann Ordshonikidse lebensmüde gemacht und Kedrow, einen alten Tschekisten, umgebracht haben soll.

Das Urteil über Berija war selbstverständlich im Augenblick seiner Verhaftung gesprochen. Die Frage war jedoch, wer mit ihm zusammen in einem Schauprozeß oder Geheimverfahren erledigt werden und wem die Leitung übertragen werden sollte. Man hätte Hunderte von Berija-Kreaturen im Funktionärapparat hinrichten können, aber man begnügte sich schließlich mit einer kleinen Auslese. Die Geheimverhandlung spricht dafür, daß entgegen der offiziellen Versicherung Berija nicht "gestanden" hat. Zwar die Absicht der "Eroberung der Macht", die ihm die Anklage vorwarf, mag er zugegeben haben, aber mit dem Hinweis darauf, daß er dabei ebenbürtige Rivalen gehabt habe. Ferner beschuldigte ihn die Anklage folgender Staatsverbrechen: Erschleichung verantwortlicher Posten durch Verleumdung, Intriguen und Provokationen, Verfolgung nicht genehmer Personen, wobei mit Willkür und Ungesetzlichkeit gearbeitet wurde, und Veranstaltung von Morden. Man fragt sich unwillkürlich, was von einem Staat zu halten ist, in dem ein solcher Mann zur zweithöchsten Stelle aufsteigen konnte. Gewissermaßen zur Entschuldigung versichert das Gericht, daß Berija sich "getarnt" habe. Merkwürdig, daß die ganze Welt diese Tarnung schon lange durchschaute und nur das Sowjetsystem blind blieb. Erst jetzt entdeckt es, daß das früher sehr gelobte Berija-Buch "Zur Geschichte der bolschewistischen Organisationen in Transkaukasien" "gefälscht" und "antimarxistischen" Charakter hat. Worin besteht die Fälschung? Das Kennzeichen dieses Buches, mit dem Berija die Aufmerksamkeit des Kreml auf sich zog, ist die Behauptung, sein Landsmann Stalin habe für die Anfangszeit des Bolschewismus im Kaukasus eine entscheidende Bedeutung gehabt. Diese Legendenbildung war früher ein Verdienst, heute ist sie ein Verbrechen.

Man kann ohne Übertreibung behaupten, daß mit Berija in gewisser Weise auch Stalin verurteilt wurde. Wenn die Prawda versichert, niemals wieder solle es vorkommen, daß ein Ehrgeiziger nach der Macht strebe, so ist das eine Erklärung, die nicht nur für die Person Berija Bedeutung hat. Es ist schon ein Symptom, daß der erste Gebuitstag nach dem Tode des Diktators am 21. Dezember vom Moskauer Sender verschwiegen wurde. Mit der Proklamierung des Prinzips des Führerkollektivs unter Ablehnung der "persönlichen Entscheidung" und des "idealistischen Personenkultes" ist die Stalin-Tradition in der Politik aufgegeben worden. Die Verlagerung des Schwergewichts von der Schwerindustrie zur Agrar- und Konsumentenpolitik und die Ausdehnung des Handels widersprechen der Stalinschen Auffassung, die er in seinen "ökonomischen Problemen des Sozialismus in der UdSSR" niedergelegt hat. Die Schrift ist heute praktisch durch die parteiamtlichen Thesen zum 50. Jahrestag des Bolschewismus ersetzt, in denen Stalin völlig hinter Lenin zurücktritt.

Bei sowjetischen Feiern wird an Stelle des Hochs auf Stalin jetzt ein Hoch auf das Zentralkomitee ausgebracht. Diese Parteiinstanz ist eine wahrhaft anonyme Größe, die Öffentlichkeit kennt nicht ihre gegenwärtige Zusammensetzung. Von den Vollmitgliedern und Kandidaten sind seit dem Parteitag 1952 zwei (Mechlis und Stalin) verstorben, während vier andere erschossen. wurden. Nach Dutzenden zählen die in Ungnade Gefallenen oder Versetzten, bei denen es zum mindesten zweifelhaft erscheint, daß sie ihre ZK-Mitgliedschaft beibehalten haben. Wahrscheinlich wurden die Lücken aufgefüllt, aber diese Vorgänge wurden dem Volke verheimlicht, obwohl es ständig dazu aufgefordert wird, sich in Einigkeit um das Zentralkomitee zu scharen.

Zur allgemeinen Überraschung hat das Sondergericht über Berija unter dem Vorsitz Ton Marschall Konjew getagt. Das ist allgemein als ein Zeichen dafür verstanden worden, daß die Armee als Stütze des Regimes die Polizei abgelöst hat. Der Nachfolger Berijas als Innenminister, Kruglow, ist nicht stellvertretender Ministerpräsident geworden. Die fünf, in diesen Tagen ernannten neuen Stellvertreter haben diesen Rang alle schon im Kabinett Stalin bekleidet. Bei der Verkleinerung der Regierung im März schieden sie aus dem Ministerratspräsidium aus. Heute umfaßt es wieder zehn Köpfe und ist nur noch teilweise mit dem Parteipräsidium identisch. Die Probleme der politischen Führung haben sich wieder kompliziert. Neben der alten Garde, für die ihre Verbundenheit mit Stalin heute schon eine Belastung darstellt, stehen die politischen Funktionäre der mittleren Generation, die Wirtschaftsfachleute und die Militärs, deren Bedeutung durch den Berija-Prozeß unterstrichen wurde.

Die Fronten formieren sich neu. Die Personalveränderungen in der letzten Zeit geben kein eindeutiges Bild im Sinne des Übergewichts einer bestimmten Richtung. Es wird vielmehr ein Gleichgewicht gewahrt, das für eine Fortdauer der Spannung im Führerkollektiv zeugt. Das neue Jahr kann innere Auseinandersetzungen in der Sowjetunion bringen, die nicht weniger dramatisch sind als die des vergangenen. Harald Laeuen