Intendanten nur noch Verkäufer?

In 3aden-Baden ist aus einer Einführungsreihe des Chefdramaturgen Fred Alten über "Dichter und Werk" das "Erste Baden-Badener Theatergespräch" hervorgegangen. Es hatte ein premierenvolles Haus und die Spannung eines Theaterabends. Es stieß bis an die Fundamente des "Kulturtheaters" vor, indem das Thema fragte, ob die Stadt- und Staatstheater, die aus öffentlichen Mitteln unterhalten werden, die darin eingeschlossene Verpflichtung noch erfüllen: ob sie ihre Zuschauer mit den geistigen Kräften der Zeit konfrontieren.

Der Advocatus diaboli war der Theaterkritiker Johannes Jacobi. Er verneinte, auf Beispiele gestützt, schlankweg die Frage des Themas und stellte fest, daß öffentliche Mittel, die der Stützung des Werdenden und Würdigen dienen sollten, zur Befriedigung eines künstlerisch getarnten Unterhaltungsbedürfnisses ausgegeben werden. Ohne diesem seine Berechtigung im Theater abzusprechen, verlangt Jacobi, daß sich die Unterhaltung im Theater ebenso wie in anderen Sparten selbst finanzieren sollte, daß dagegen die öffentlichen Zuschüsse an die Förderung des Ringenden, vielleicht Unbequemen, aber Wesentlichen geknüpft werden sollten. Außerdem wandte er sich gegen die untragbar gewordene Vielzahl vollständiger Theaterbetriebe, die ihren Mangel an Mitteln durch Senkung des künstlerischen Niveaus ausgleichen müssen. Dem Streben nach neuer Spitzenbildung im Theaterwesen stellte der Kritiker den nivellierenden Enfluß des Publikumsgeschmacks sowie eine Form der Theaterpolitik und -verwaltung gegenüber, die sich selbst – nach einem Wort des Kritikers K. H. Ruppel – als "Geschäftsführer des Konsumvereins für Kunst" betrachten und in den "Intendanten nur noch die Verkäufer" sehen, "die für ansprechende Aufmachung und Verpackung verantwortlich sind". Jacobi forderte, daß Autorität und Entscheidungsfreiheit des Intendanten gestärkt werden und daß er für die Dauer seiner Amtsperiode unabhängig sei von Eingriffen außerkünstlerischer Instanzen.

Diesen Thesen traten beredte Männer des Theaters entgegen. Soweit Kurt Hirschfeld, der Chefdramaturg des verdienstvollen Züricher Schauspielhauses, und Dr. Andritzky, Theaterdezernent der Stadt Mannheim, sich als Gegenbeispiele ihrer lokalen Erfahrungen bedienten, zielten die speziellen Argumente an der generellen Kritik Jacobis vorbei. Denn die Existenz solcher Bühnen, wie sie in Zürich und Mannheim bestehen, und die Art, wie das Theater dort geführt wird, bilden erst die Voraussetzung für eine positive Kritik, die sich an Realitäten orientiert. Am aufschlußreichsten unter den Gegenargumenten waren die Erfahrungen des Heidelberger Intendanten Dr. Rudolf Meyer, eines von dialektisch gewandter Theaterliebe erfüllten Gesprächspartners. Er konnte für seinen dreiteiligen, kleinen Stadttheaterbetrieb erklären, daß in Heidelberg "The Rake’s progress von Strawinskij der Saisonschlager war, der auch die Kassenoperetten aus dem Felde schlug.

Die temperamentvoll und offen geführte Diskussion führte dank der fundierten und unparteiischen Gesprächsleitung durch Gert Westphal, SWF, zu einer ritterlichen Begegnung zwischen Theater, Kritik und Publikum in Grundsatzfragen. G. St.