G. E. C., Cali, im Dezember

Viele der südamerikanischen Länder werden oft en bloc als die traditionellen Handelspartner Deutschlands bezeichnet. Es kann keine Diskussion darüber geben, daß den vor dem Kriege von Deutschland exportierten Produkten ein unübertrefflicher Qualitätsruf vorausging. 1950 und 1951, bedingt einerseits durch die angespannte kolumbianische Devisensituation, andererseits durch die Koreakrise, wurden von den hiesigen Devisenkontrollstellen den Importeuren nach und nach immer umfangreichere Lizenzen für die Einfuhr aus Deutschland gegeben. Da sie mit der deutschen Industrieankurbelung parallel liefen, führten sie zu ruckartigen Erhöhungen der deutschen Ausfuhr nach Kolumbien (insbesondere im allgemeinen Materialgeschäft). Neben qualitativ einwandfreien Lieferungen der Exporteure zeigte es sich jedoch bald, vor allem bei Erzeugnissen von Schneidwaren und Fahrrädern, daß das für den Export verwendete Material nicht den Kundenansprüchen genügte, das heißt den vor dem Krieg verwendeten Rohstoffen nicht gleichkam. Zum Teil dürfte dies auf unverantwortliche Exporteure, zum Teil auf verantwortungslose Fabrikanten zurückzuführen sein: es handelte sich zweifelsohne um Bestände aus der RM-Zeit, die in Deutschland nicht mehr abzusetzen waren, nun aber in Südamerika ihre Abnehmer finden sollten. Der Deutschland damals zugefügte Schaden scheint auch heute kaum auszugleichenzusein. Nach vier Jahren überschatten diese traurigen Tatsachen leider noch immer die Meinung der hiesigen Importeure...

Im Maschinengeschäft ist die "traditionelle" Kette dadurch gerissen, daß infolge der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre sich die zehn Jahre ausschließlich angebotenen amerikanischen Maschinen eingeführt haben: eine Entwicklung, die mit der ständig steigenden Nachfrage nach USA-Zahnbürsten, Zahnkremen, pharmazeutischen Erzeugnissen, Elektrowerkzeugen (und u. a. Automobilen) in ihren bunten Verpackungen, einfachen, billigen und praktischen Aufmachungen parallel lief und sich immer mehr durchsetzte. Heute haben die USA starkes Interesse an den südamerikanischen Märkten, und zahllose USA-Werke bauen Fabriken – vom Bauplan bis zum letzten Nagel aus den USA geliefert. Auch hierdurch setzten sich die USA-Standardnormen im Konstruktionswesen immer mehr durch, sei es auf maschinellem, sei es auf elektrotechnischem Gebiet. Bemerkenswert ist das Mißtrauen, daß z. B. europäischen Dieselmotoren, die im Ausbau des Landes einen wichtigen Platz einnehmen, entgegengebracht wird. Im Falle eines Krieges würde die entsprechende Ersatzteilbeschaffung sich unmöglich machen, solange der Kunde nicht sieht, daß auch die deutschen Firmen große Ersatzteillager führen. Von den Amerikanern "weiß" man das.

Deutschlands Möglichkeiten spitzen sich daher auf Lieferung von Maschinen zu, die "rund" drehen, also einer geringeren Abnutzung unterliegen. Ein weiterer Beweis für die eingeführten und angestammten USA-Normen dürfte im Elektrizitätswesen liegen, das in Kolumbien auf 60 Hz. und Verwendung des 110-V-Wechselstromes bis zu Motoren von 5 PS und entsprechenden Anwendungen eingestellt ist. Die deutsche Industrie müßte bei schwieriger werdenden Exportmärkten derartige Faktoren ganz anders in Rechnung stellen, als sie es bisher tat.

Großgeschäfte mit staatlichen Behörden und öffentlichen Unternehmungen, für die die großen deutschen Firmen in vielen Fällen die berufenen sind, erschweren sich in den letzten Monaten besonders durch den absoluten Willen der Franzosen, derartige Geschäfte an sich zu reißen. Die französischen Banken bieten allen auch nur einigermaßen zahlungsfähigen Kunden von vornherein Millionenkredite auf sieben Jahre an. Die Kontrakte enthalten eine Klausel, die den Kunden berechtigt, im billigst anbietenden Lande zu kaufen. In der Praxis ist das jedoch Frankreich, denn der französische Staat kommt den Industriellen in jeder Form entgegen, so daß in allen bisher bekannten Fällen die Franzosen in die Preise der amerikanischen oder deutschen Konkurrenz eintraten. Daß es sich hierbei nur um die Abschneidung der Preisspitzen mit Hilfe der Europadollar handeln kann, dürfte klar sein; auch, daß es sich wahrscheinlich um eine Kapitalflucht oder Sicherstellung seitens der Interessenten handelt. Deutschland und die USA erscheinen durch diese Handlungsweise als Hauptgeschädigte, und es muß Aufgabe der deutschen Regierung sein, diesen Machenschaften einen Riegel vorzuschieben.

Deutschland hat in den abgelaufenen Perioden sein Handelssoll, vor allem an mildem Kaffee, im Import immer voll ausgenutzt. Leider war Kolumbien dazu nicht in der Lage, so daß die Differenz stets von Deutschland in harten Dollar beglichen werden mußte. Eine Aufgabe der freundschaftlichen Bindungen, wie sie der deutsch-kolumbianische Handelsvertrag darstellt, der Deutschland in manchen Beziehungen eine bevorzugte Position einräumt, erscheint jedoch zu einer Zeit riskant, in der die Entwicklung der Weltwirtschaft und die weitgreifende internationale Finanzierung auf einen immer enger werdenden Zusammenschluß der westlichen Welt hindeuten. Das Exportgeschäft liegt heute mehr in den Händen der Fabrikanten und weniger beim Exporteur, der viel beweglicher zu arbeiten pflegt, als die Fabrikanten es zu tun gewöhnt sind. Ein nicht zu unterschätzender Faktor sind auch die oft unglaublich langen Verzögerungen in der Abgabe von technischen Angeboten und die fehlende Beweglichkeit in der Preisbildung. Andererseits müssen Deutschland so lange zahllose Großgeschäfte entgehen, als Banken und Industrie nicht langjährige Kredite geben können.