Alleinsein ist der Wunschtraum unserer Zeit

Von Paul Fechter

Wenn neue Gedanken zur Mode ausarten, tritt der Ironiker auf den Plan. Der modische Existentialismus hat das Thema der Lebensangst und die Theorie des "Geworfenseins" des einzelnen in das Nichts zu Tode geritten. Den allzu kritiklosen Nachbetern Heideggers gibt Paul Fechter hier zu bedenken, daß im übervölkerten Westen jedenfalls eher das Gedränge als die Vereinzelung, eher die Fülle als das Nichts beängstigend wirken kann. Er stellt sich darum als Erfinder des Co-Existentialismus vor, hinter dessen humorigen Argumentationen dennoch manche ernste Wahrheit erkannt werden möge.

Seit ein paar Jahrzehnten rumort in den Resten des europäischen geistigen Lebens ein Begriff umher, der, seit er nach dem Krieg vom Westen her bei uns neu importiert wurde, nicht nur Mode, sondern geradezu eine Massenmode geworden ist: der gute alte Begriff des Existentialismus, der Existenzphilosophie. Als Eugen Diederichs bald nach 1900 die erste große Gesamtausgabe der Werke des Dänen Kierkegaard druckte, krähte in der großen Öffentlichkeit kein Hahn nach ihr; seit nach 1945 mit Sartre der Aufmarsch der Fliegen im Bereich der Atridengreuel begann, erzählten alle kleinen Mädchen von Regine Olsen und dem Mann mit dem vielen Pseudonymen, deren Zahl noch weit über die der Decknamen des seligen Tucholsky hinausging.. Es geschah allerhand: aus gefallenen Mädchen wurden auf einmal geworfene Mädchen: Jeder, der auf sich hielt, hatte oder war plötzlich eine Existenz und fühlte sich mit dem Nichts nicht nur konfrontiert, sondern in die Angst vor ihm geworfen. Das Werfen und Geworfenwerden des Seins wurde so aktuell, daß es bei existentialistischen Unterhaltungen zuweilen klang, als diskutiere da ein mehr oder weniger metaphysischer Kegelklub.

Kafka, Böll, Kafka ...

Wenn über die Welt solch eine Welle einer neuen geistigen Haltung dahingeht, ist es am gescheitesten, stillezuhalten und zu warten, bis die nächste kommt. Die läßt gewöhnlich nicht lange auf sich warten und ließ es auch in diesem Falle nicht: statt Sartre las man schon nach zwei oder drei Jahren in jeder Zeitschrift, die noch mehr auf Abonnenten als auf sich selber hielt, Kafka und nochmals Kafka; findige Illustrierte erwogen bereits ein Preisausschreiben: "Welches deutsche Blatt ist einmal ein ganzes Vierteljahr lang ohne Nennung des Namens Kafka ausgekommen?" Diese Welle ist inzwischen auch schon wieder überholt, und ängstliche Gemüter sehen bereits den neu entdeckten Heinrich Böll an die Stelle des toten Prager Dichters treten, während sachlich getönte Seelen die Frage diskutieren, ob man nicht nach Existentialismus, Surrealismus, Photographismus endlich eine neue Zeitbewegung erfinden könnte, die geeignet wäre, die großen wie die kleinen Gazetten wieder auf ein paar Jahre hinaus mit zeitgemäßen Aktualitäten zu versorgen.

Eine solche Weltbetrachtung, die sich bestimmt eines Tages durchsetzen wird, gibt es in der Tat bereits: sie ist ebenfalls im Grenzbereich zwischen Realität und Philosophie daheim und scheint berufen zu sein, den langsam etwas altersschwach gewordenen Existentialismus und seine Überreste erfolgreich abzulösen. Sie, diese Weltbetrachtung, steht sogar mit einem Bein bereits mitten in der Zeit, indem sie die Wendung des alten Existentialismus zum konkreten menschlichen Dasein und die Abkehr von der großen Abstraktion der großen Systeme der Philosophie durchaus mitmacht; sie befreit ihn aber zugleich von den Irrtümern, den nicht zu Ende gedachten Ansätzen, sowie den Besten der von früher mitgeschleppten Halbheiten, und schafft so endlich über die bloße Mode hinaus eine Weltbetrachtung, die den Anspruch erheben kann, von heute, aber auch von morgen und übermorgen und darum etwas haltbarer zu sein, als der Existentialismus der ersten Jahrhunderthälfte es war.