K. W., Berlin, Ende Dezember

Wie lange haben wir mit dem neuen Kurs in der Sowjetzone zu rechnen?" Diese Frage wurde Walter Ulbricht in den letzten Wochen von den durch Ost-CDU und Ost-LDP gedeckten Gruppen der verbliebenen Privatwirtschaft gestellt. Der ostzonale Parteichef gab auf einer Sitzung des Ministerrates eine Antwort ohne Verpflichtung: "Der neue Kurs wird lange gehen ...", und dann lud er 300 Aktivisten und arrivierte Parteiagenten zu einer Sitzung des Ministerrates, auf der er kurz vor Jahresschluß eine "Verordnung über die Erhöhung und Verbesserung der Produktion von Verbrauchsgütern für die Bevölkerung" bekanntgab.

Diese Verordnung ist ein kurioses Dokument, das im Namen einer Regierung ausgegeben und unterzeichnet worden ist. Da wird ohne Begründung der Satz gesagt: "Die Deutsche Demokratische Republik verfügt zur Zeit über sämtliche Voraussetzungen für eine bedeutende Steigerung der Produktion von Massenbedarfsgütern." Wie aber sah dies am Ende des Jahres in Wirklichkeit aus? Die Bevölkerung hatte nur einen Teil der versprochenen Kartoffeln erhalten; die zugeteilten Brennstoffmengen bestanden überwiegend aus schlecht brennender Rohbraunkohle; Stromabschaltungen bis fünf Stunden am Tag haben auch die Weihnachtstage über in manchen Städten der Sowjetzone angehalten; in den HO-Läden gab es in den Vorweihnachtswochen nach der letzten Preissenkung vom Oktober noch immer nicht genug Waren.

Dafür aber imitiert jetzt wenigstens als Planvorstellung die Ulbricht-Regierung die westliche Wirklichkeit ohne Rücksicht auf Realisierungsmöglichkeiten. Mit der Errichtung einer Industrie- und Handelskammer soll es im neuen Jahre beginnen; das graue Einerlei der Zuteilung soll durch die Wiedereinführung von Warenzeichen beendet werden. Warenzeichen setzen Waren voraus dafür plant die ostzonale Regierung nun bis ins privateste Detail, dabei immer mit dem selbstverständlichen Status des freien Westens vor Augen. So "hat das Ministerium für Handel und Versorgung dafür zu sorgen, daß einige gute Standardsorten von Keksen statt der bisher üblichen einen Art mit Fettzusatz produziert werden". Die Produktion von Stilbonbons soll um 30 v. H., "der Anteil der Schokoladenplätzchen mit Buntzuckerüberzug um 50 v. H. gesteigert werden". "Das Ministerium für Außenhandel hat dafür Sorge zu tragen, daß besonders solche Käsearten, die in den eigenen Molkereien nicht hergestellt werden können, zur Einfuhr gelangen, also: ehester, Gorgonzola, Edamer, Gervais, Parmesan ..." Vom notwendigen Import ist vielfach die Rede, vom Import von Südfrüchten, von Ananas, von Rohstoffen aller Art, von Gemüsen erlesenster Güte, aber nirgendwo wird erklärt, wie dieser Import zu erreichen Sein soll...

Drei Sorten Butter verspricht Ulbricht den Zonenbewohnern. Auf Verpackung und buntfarbige Aufdrucke sollten die Produzenten sehen – doch von der Abschaffung der Lebensmittelkarte und der Fettrationierung, die einstmals für 1953 angekündigt war, ist in dieser Verordnung nichts mehr zu lesen. Zur künftigen Kartoffelversorgung, die viele ostzonale Familien so arg in Not bringt, wird nur schlicht gesagt, sie müßte qualitätsmäßig und mengenmäßig verbessert werden. Dafür aber enthält das gleiche Kapitel der Verordnung Empfehlungen, mehr Rum und Arrak, Magenbitter und Alpenkräuterlikör herzustellen. Selbst um besseres Bier kümmert sich die Regierung.

Die Lockung des Westens geht bei den anordnenden Regierungsstellen bis in die intimste Kleinigkeit: Everglace sollen die Textilfabriken produzieren, 350 Tonnen Gummiband werden gewünscht, und selbst die Damenuntertrikotagen sind eingeplant: "Die Farben dürfen sich hierbei nicht mehr auf bleu und lachs beschränken. Auch Toilettepapier ist herzustellen, Tapeten sind in geschmackvollen Mustern zu produzieren." – Dazu 25 verschiedene Damenarmbanduhren-Modelle, fünfzehn Serviceformen, und sie treiben die Groteske auf den Gipfel mit der Bemerkung: "Die Werbung für den Kauf von Gold- und Silberschmuck unter der Bevölkerung ist aufzunehmen". Um das Maß der detaillierten Fürsorge für möglichen Luxus 1954 vollzumachen, wird die Produktion von weißen Telefonapparaten angeregt.

Der Wunschtraum wird in den meisten Fällen nur eine Vorspiegelung wirklich geplanter Umstellungen sein. In den vielen armseligen Positionen dieses zivilisatorischen Aufrüstungsprogramms kennzeichnet er um so mehr die Welt des Mangels und der Not, in der sich seit acht Jahren die deutsche Sowjetzone befindet. Kleine Erleichterungen haben sich allein durch die größere Freizügigkeit im Ost-West-Verkehr ergeben. Die Zone zwischen Oder und Elbe kann nur von dem Anschluß an den Westen einen wirklichen Einschluß in ein Leben der Lebenssicherung erwarten.