Von Anatole France

Horteur, der Herausgeber des "Lichtstrahls", der politische und literarische Redakteur der "Nationalen Revue" und des "Illustrierten Jahrhunderts", Horteur empfing mich in seinem Arbeitszimmer und beehrte mich aus der Tiefe seines direktorialen Lehnsessels heraus mit folgender Ansprache:

"Mein lieber Marteau, schreiben Sie mir für die Sondernummer des ‚Neuen Jahrhunderts‘ eine Geschichte. Dreihundert Zeilen aus Anlaß des Neujahrstages. Etwas recht Lebendiges, so mit aristokratischem Parfüm."

Ich erwiderte Horteur, ich wäre nicht sein "lieber" Marteau, zumindest nicht in dem Sinn, den er meinte, erklärte mich aber bereit, ihm eine Geschichte zu schreiben.

"Ich möchte gern", sagte er, "daß Sie das Zeug ‚eine Geschichte für die Reichen’ nennen." – "Ich möchte sie lieber ,eine Geschichte für die Armen‘ nennen." – "Eben das erwarte ich: eine Geschichte, welche die Reichen zu Mitleid mit den Armen anregt." – "Gerade das kann ich nicht vertragen, nämlich, daß die Reichen mit den Armen Mitleid haben." – "Seltsam!" – "Gar nicht seltsam, aber wissenschaftlich begründet. Ich halte das Mitleid des Reichen mit den Armen für beleidigend und der menschlichen Brüderlichkeit widersprechend. Wenn Sie wollen, daß ich zu den Reichen spreche, dann werde ich sagen: .Verschont die Armen mit eurem Mitleid; sie könne." damit nichts anfangen. Warum Mitleid und nicht Gerechtigkeit? Ihr habt eine Rechnung mit ihnen zu begleichen. Bringt diese Rechnung in Ordnung. Es ist keine Angelegenheit des Gefühls. Es ist eine wirtschaftliche Angelegenheit. Wenn das, was ihr ihnen aus Gnade gebet, dazu dient, ihre Armut und eures Reichtum zu verlängern, so ist dieses Geschenk unbillig, und die Tränen, die ihr darüber vergießt, machen es nicht gerechter. Ihr gebt das Almosen, um nichts zurückzugeben. Ihr gebt wenig, um viel zu behalten, und ihr beglückwünscht euch dazu. So warf auch der Tyrann von Samos seinen Ring ins Meer. Aber die Nemesis der Götter nahm dieses Opfer nicht an Ein Fischer brachte dem Tyrannen seinen Ring im Bauche eines Fisches zurück. Und Polykrates wurde aller seiner Reichtümer beraubt.‘"

"Sie scherzen." – "Ich scherze nicht. Ich will den Reichen zu verstehen geben, daß Sie wohltätig sind mit Rabatt und freigebig zu Ausverkaufspreisen, daß sie den Gläubiger lachen machen und daß man auf diese Art keine Geschäfte macht. Das ist eine Ansicht, die ihnen nützlich sein kann." – "Und Sie wollen solche Ideen in das "Neue Jahrhundert" bringen, um das Blatt unmöglich zu machen! Unmöglich, lieber Freund, unmöglich!"

"Warum wollen Sie, daß der Reiche mit dem Armen anders umgehe als mit den Reichen und den Mächtigen? Er erzählt ihnen, was er ihnen schuldig ist; ist er ihnen nichts schuldig, dann erzählt er ihnen nichts. Darin besteht die Redlichkeit, und redlich wäre es, wenn die Reichen mit den Armen ebenso umgingen. Und sagen Sie mir ja nicht, daß die Reichen den Armen nichts schuldig seien. Ich glaube nicht, daß auch nur ein einziger Reicher dieser Meinung ist. Aber bei der Größe der Schuld beginnen die Zweifel, und man beeilt sich nicht, aus ihnen herauszukommen. Man liebt es vielmehr, im dunkeln zu tappen. Man weiß, daß man schuldig ist, und man leistet von Zeit zu Zeit eine kleine Anzahlung. Das nennt sich Wohltätigkeit und ist vorteilhaft."

"Aber was Sie da sagen, ist im allgemeinen nicht von Bedeutung, mein Lieber. Ich bin vielleicht mehr Sozialist als Sie, doch bin ich praktisch. Ein Leid unterdrücken, eine Existenz verlängern, ein Teilchen der sozialen Gerechtigkeiten reparieren, das ist ein Resultat. Das wenige Gute, das man tut, ist getan. Es ist nicht alles, aber immerhin etwas/Wenn die kleine Geschichte, die ich von Ihnen verlange, nur hundert von meinen reichen Abonnenten rührt und zu schenken veranlaßt, so haben wir gegen Leid und Übel so und so viel gewonnen. Auf diese Art macht man die Lebensbedingungen der Armen nach und nach erträglich."

"Aber ist es denn gut, daß die Lebensbedingungen der Armen erträglich seien? Die Armut ist für den Reichtum unumgänglich, der Reichtum für die Armut notwendig. Die beiden Übel zeugen einander, und eines wird durch das andere erhalten. Man soll die Lebensbedingungen der Armen nicht verbessern, man muß sie ändern. Ich werde, die Reichen nicht zu Almosen verleiten, denn ihr Almosen ist vergiftet, weil das Almosen dem Geber gut tut und schlecht wirkt auf den, der es empfängt, und weil schließlich, da der Reichtum nun einmal an sich hart und grausam ist, es sich nicht gehört, daß er durch sanfte Erscheinung täusche. Wenn Sie wollen, daß ich eine Erzählung für die Reichen schreibe, dann werde ich ihnen sagen: ‚Eure Armen sind eure Hunde, die ihr mit Abfällen ernährt. Ihre Helfer bilden für die Besitzenden eine Meute, die die Proletarier anbellt. Die Reichen geben nur jenen, die verlangen. Die Arbeiter verlangen nichts, und sie bekommen nichts.’"

"Und die Waisen, die Kranken, die Greise?" – "Sie haben das Recht zu leben. Für sie werde ich kein Mitleid erregen, ich werde das Recht anrufen."

"Aber hören Sie mir auf. Das alles ist ja nur Theorie! Kehren wir zur Wirklichkeit zurück. Sie werden mir aus Anlaß des Neujahrsfestes eine kleine Geschichte machen. Zum Illustrieren. Lassen Sie ein Mädchen auftreten, ein anmutiges junges Mädchen. Das ist nicht schwer." – "Nein, das ist nicht schwer." – "Könnten Sie nicht auch einen kleinen Schornsteinfeger in die Geschichte einführen? Ich habe eine farbige Illustration, ein hübsches Mädchen, das auf den Stufen der Madeleinekirche einem kleinen Schornsteinfeger ein Almosen gibt. Das gäbe eine Gelegenheit, das Bild zu verwenden ... Es ist kalt, es schneit, das hübsche Fräulein erweist dem kleinen Schornsteinfeger eine Wohltat ... Sehen Sie, wo ich hinaus will?" – "Ich sehe es." – "Sie werden dieses Thema verwenden"

"Ich werde es verwenden. Der kleine Schornsteinfeger, von Dank hingerissen, wirft sich dem jungen Mädchen an den Hals, das die Tochter des Grafen Linotte ist... Er gibt ihr einen Kuß und drückt so auf die Wangen des hübschen Mädchens ein kleines O aus Ruß, ein hübsches kleines O, das ganz rund und ganz schwarz ist. Er liebt sie. Edmee (sie heißt Edmee) ist einem so ehrlichen und naiven Gefühl gegenüber nicht unempfindlich ... Ich glaube, der Gedanke ist rührend."

"Ja ... Sie könnten daraus eine hübsche Sache machen."

"Sie machen mir Mut, fortzusetzen... In ihre vornehme Wohnung zurückgekehrt, empfindet Edmee es zum erstenmal als widersinnig, sich zu waschen: sie möchte auf ihrer Wange den Abdruck der Lippen bewahren, die darauf geruht haben. Indessen ist ihr der kleine Schornsteinfeger bis zum Tor gefolgt: verzückt bleibt er unter den Fenstern des bewundernswerten jungen Mädchens stehen ... geht das?" – "Natürlich."

"Ich setze fort. Am nächsten Morgen sieht Edmee, die in ihrem kleinen weißen Bett geschlafen hat, den kleinen Schornsteinfeger aus dem Kamin ihres Zimmers kriechen. Er wirft sich ihr naiv um den Hals und bedeckt sie mit kleinen, ganz runden O’s aus Ruß. Ich habe Ihnen zu sagen vergessen, daß er von bewundernswerter Schönheit ist. Die Gräfin von Linotte überrascht ihn bei seiner süßen Tätigkeit. Sie schreit auf. Sie ruft um Hilfe. Er ist so beschäftigt, daß er das weder sieht noch hört." – "Mein lieber Marteau..." – "Der Graf eilt herbei. Er hat die Seele eines Edelmannes. Er faßt den kleinen Schornsteinfeger am Hosenboden und wirft ihn durchs Fenster hinaus." – "Mein lieber Marteau ..." – "Ich kürze ab ... Neun Monate später heiratete der kleine Schornsteinfeger das Edelfräulein. Es war hohe Zeit. Das sind die Folgen gut angebrachter Wohltätigkeit."

"Mein lieber Marteau, Sie haben sich über mich lange genug lustig gemacht."

"Glauben Sie bloß das nicht. Ich beende meine Geschichte. Nachdem er das kleine Fräulein von Linotte geheiratet hatte, wurde der kleine Schornsteinfeger päpstlicher Graf und ruinierte sich beim Rennen. Er ist jetzt Ofensetzer auf dem Montparnasse. Seine Frau hat einen Kramladen und verkauft Salamander zu hundertachtzig Franken, zahlbar in acht Monatsraten."

"Mein lieber Marteau, das ist gar nicht lustig."

"Nehmen Sie sich in acht, mein lieber Horteur. Was ich Ihnen da erzählt habe, ist im Grunde ‚Der Sturz eines Engels‘ von Lamartine und ‚Elca‘ von Alfred de Vigny, und besser als Ihre kleinen rührseligen Geschichten, die die Leute glauben lassen, sie seien sehr gut, indessen sie gar nicht gut sind, sie täten Gutes, indessen sie gar nichts Gutes tun, es fille ihnen leicht, wohltätig zu sein, indessen das die schwerste Sache der Welt ist. Meine Geschichte ist moralisch. Darüber hinaus ist sie optimistisch und geht gut aus. Denn Edmee fand in dem kleinen Laden auf dem Montparnasse das Glück, das sie in Vergnügungen und auf Festen vergeblich gesucht hätte, wäre sie mit einem Diplomaten oder Offizier verheiratet worden ... Mein lieber. Herr Chefredakteur, antworten Sie mir: Nehmen Sie ‚Edmee oder wohlangebrachte Wohltätigkeit‘ für das (Illustrierte Neue Jahrhundert’?"

"Sie sehen ganz so aus; als ob Sie mich ernstlich danach fragten? ..."

"Ich meine es auch ganz ernst. Wenn Sie meine Geschichte nicht wollen, werde ich sie anderswo veröffentlichen." – "Wo?" – "In einem bürgerlichen Blatt." – "Ich wette, daß Ihnen das nicht gelingt."

"Sie werden sehen."

Aus dem Französischen übersetzt von Joseph Kalmer

Co-Existenz mit mehr Nähe als der Mensch ertragen kann, und jeder dritte mindestens unter diesen Nahen ist ein Beamter: erlebt man da in dieser Enge die Angst des pseudonymfrohen Kierkegaard nicht viel, viel stärker als in der langsam aus der längst übervölkerten Welt verschwundenen Konfrontation mit der Einsamkeit, die man vergeblich als Nichts zu denken versucht, das sich trotz Kant und dem Versuch, die negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen, überhaupt nicht gut denken läßt?

Was ist das Ergebnis? Da wir von der Notwendigkeit eines neuen Weltbildes reden, natürlich der Schrei nach einem Buch und nach dem, der es schreibt: wo ist der neue Heidegger des Co-Existentialismus, den wir dringend brauchen? Denn nicht Jaspers, nicht Bollnow, geschweige denn Sartre, könnte dieses klärende erlösende Werk schreiben – nur Heidegger. Er braucht nämlich nur den lange verheißenen, später abgesagten, zweiten Band von "Sein und Zeit" zu schreiben – vom Gesichtspunkt des Co-Existentialismus aus. Der Titel ist von der Sache her gegeben: "Zusammen-Sein und keine Zeit". Es wäre ein Ziel für uns alle – aufs innigste zu wünschen, und wäre eine dringende Notwendigkeit für die gesamte europäische Gegenwart.