Damit sind, wir an der "Nahtstelle" zwischen Kapitalmarktpolitik und Steuerpolitik angelangt, oder, genauer gesagt: an dem Punkte, wo sich alle Bemühungen, den Kapitalmarkt für "die Wirtschaft" (und nicht nur für öffentliche Investitionen oder sonstige öffentliche Zwecke) zu erschließen, an dem harten "Nein" des auf seinen Etat verweisenden (und die günstige Kassenlage geschickt wegeskamotierenden...) Finanzministers stoßen. Die Frage, die sich nun für 1954 stellt, lautet damit, ob Herr Schäffer, nachdem er dazu übergegangen ist, einen erheblichen Teil der öffentlichen Investitionen auf den außerordentlichen Haushalt zu übertragen und im Anleihewege zu beschaffen, noch dieselben Beträge aus Steuereinnahmen für die laufenden Ausgaben braucht, wie bisher – oder ob er der Entlastung aus der "Kleinen Steuerreform" des abgelaufenen Jahres, die ja beträchtlich (oder doch zum mindesten fühlbar und nützlich) war (wenn auch in den Jahresschlußbetrachtungen merkwürdig wenig davon die Rede ist!) noch in diesem neuen Jahre eine weitere Entlastung folgen lassen kann: vor allem durch Verzicht auf steuerliche Belastungen bei der Aktie, wobei er die Chance hätte, sich (als "Ersatz" für die daraus zu erwartenden Steuerausfälle) gewisse Mehreinnahmen in seinem Haushalt zu schaffen – nämlich durch die Abschaffung unnötiger und störender Steuersubventionen Oder müssen wir tatsächlich bis zur "großen Reform" von 1955 warten? Fast sieht es so aus – zunächst; Prof. Erhard wird da wohl noch recht aktiv werden müssen.

In seiner ganzen Breite wird der Komplex der "großen" (oder "organischen") Steuerreform demnächst noch an dieser Stelle zu behandeln sein – wie er ja überhaupt das Thema für die Wirtschaftspresse im neuen Jahr abgeben wird. Deshalb mag für diesmal der Hinweis auf die enge Verzahnung zwischen den Fragen der Kapitalmarktförderung (oder -befreiung) und den hier anstoßenden steuerlichen Problemen genügen – unter dem besonderen Hinweis auf die Notwendigkeit, noch im laufenden Jahr und also vor der Beschlußfassung über die Steuernovelle mindestens zu einer Besserstellung der Aktie, möglichst sogar zu ihrer Gleichstellung mit den festverzinslichen Werten zu kommen. Daß dabei eine Reihe von Sonderfragen auftauchen, über die man in der bisherigen Diskussion fast stets zu schnell hinweggeglitten ist, soll nicht verschwiegen werden: hierzu gehört insbesondere die Wirkung des Schachtelprivilegs auf die Körperschaftsteuerbelastung – eine Tatsache, die in den "globalen" Rechnungsbeispielen eigentlich kaum je erwähnt worden ist. Dazu gehört ferner "die Erkenntnis, daß sich die Verwaltungen (nämlich diejenigen der Aktiengesellschaften) der Abschreibungen ... bis zur äußersten Möglichkeit bedienen, um den konfiskatorischen Steuersätzen zu entgehen", wie es in der ganz ausgezeichneten Schrift der Commerz- und Discontobank heißt, die soeben (unter dem Titel "Kapitalmarkt vor der Entscheidung – aktuelle Betrachtungen zum Börsenjahr 1953") herausgekommen ist, und die wir gleichfalls noch ausführlicher behandeln werden. Daß die unter das Investitionshilfegesetz fallenden Industriegruppen von den ihnen zugebilligten verstärkten Abschreibungsmöglichkeiten – natürlich! – ausgiebig Gebrauch gemacht haben, sei hier noch am Rande vermerkt; das Hervorheben dieser Tatsache darf freilich nicht so ausgelegt werden, als ob die von uns eingangs getadelte Zurücksetzung eines Teils dieser Industriegruppen (mit der ihnen verweigerten Steuerbegünstigung für ihre Investitionshilfe-Ablösungswerte) damit nachträglich zu rechtfertigen wäre... Georg Kessel