L. W. Friedland, zu Neujahr

Die letzten Achthundert kamen, in kleinen Gruppen, zu Fuß über die Zonengrenze von Wartha in Herleshausen an. Die Autobusse waren noch nicht wieder aus Friedland zurückgewesen, als es auf Mitternacht ging. Die Achthundert wären auch zu Fuß weitergezogen bis nach Friedland; besser wandern in der verschneiten Neujahrsnacht als warten an dem sowjetzonalen Grenzort, wo es den Leuten von der "Volkssolidarität" verboten worden war, das Wort an die "Kriegsverbrecher" zu richten (nach sowjetischer Version sind ja alle Spätheimkehrer "Kriegsverbrecher", die man zwar begnadigt hat, an denen aber doch das Kainszeichen des "Verbrechens" haftet). Doch die Autobusse kamen. Sie hatten Lautsprecher, und die letzten Heimkehrer von 1953 hörten die ersten Worte der Heimat: die Silvesterfeier in Friedland mit dem Choral "Nun danket alle Gott".

Erst am Neujahrstag, während der Formalitäten des Registrierens und den Vorbereitungen zur Weiterreise, schälten sich einzelne Personen, heraus, einzelne Schicksale. Da erfuhr man, wie es dem früheren deutschen Konsul in Charbin, Bischoff, gegangen war: Die Sowjets hatten ihn 1945 nach ihrem Einmarsch in die Mandschurei von seiner Frau getrennt, und beide hatten, ohne voneinander zu hören, acht Jahre in verschiedenen Lagern verbracht; erst auf dem Rücktransport in Breslau hatten! sie sich wiedergesehen, waren aber von neuem getrennt worden. Die undurchsichtige Apparatur Moskaus hatte mit ihnen gespielt. In einem anderen Falle war sie unbegreiflich gnädig verfahren; Der deutsche Offizier von Hausen-Aubier und seine Frau, die als deutscher Flugkapitän Dienst getan hatte, waren in neun Jahren Gefangenschaft beieinandergeblieben.

Wen haben die Sowjets entlassen, weil haben sie festgehalten? Es muß ein System geben, aber es ist nicht erkennbar. Jedenfalls macht es so paradoxe Entscheidungen möglich wie die, daß nicht nur der Neffe des Bundeskanzlers, der ehemalige Flakwachtmeister Guido Heinze, aus dem Lager Stalingrad entlassen wurde, sondern auch der Neffe des Pankower Regierungschefs, der frühere Leutnant der Waffen-SS Walter Grotewohl, dersich alsbald energisch von seinem Onkel distanzierte.

Die meisten der heimgekehrten Zivilinternierten (darunter auch der Herzog Christian Ludwig von Mecklenburg) waren zu 25 Jahren Zwangsarbeit – wegen "Spionage" – verurteilt gewesen. Sie hatten mit anderen Verurteilten zusammengelegen, von denen wir jetzt die erste Nachricht erhalten: von den Ostberliner Frauen, die wegen – ihrer Beteiligung am 17. Juni ins Gefängnis von Nowotscherkassk geschickt wurden, und von dem-Westberliner. Journalisten. Dieter Friede, den ein Grünauer Arzt 1947 an die NWDW verriet...