H. G., Beirut, im Januar

Im arabischen Raum werden die Stimmen immer lauter, die eine stärkere wirtschaftliche Bindung zu Deutschland suchen und eine Einbeziehung der deutschen wirtschaftlichen und technischen Kräfte in die Entwicklungsbestrebungen fordern. Zweifellos würden sich Deutschland und der arabische Raum auf lange Zeit vorzüglich ergänzen.

Die Brücke könnte vor allem durch langfristige Verträge geschlagen werden, die Deutschland mit einer starken technischen und wirtschaftlichen Beteiligung an der Entwicklung des arabischen Raumes binden würden, wogegen die arabischen Länder den Ausgleich durch die Lieferung von landeseigenen Rohstoffen leisten würden. Für Deutschland könnte sich damit eine Reihe günstiger Aussichten eröffnen (Schaffung eines stabilen Absatzmarktes, Einschränkung von Rohstoffschwierigkeiten, Ersatzteilgeschäft), neben denen noch die politischen Aspekte eine wichtige Rolle spielen dürften. Auf beiden Seiten geht man von der Feststellung aus, daß Deutschland genau das produziert, was man im arabischen Raum braucht, zum anderen aber zwangsläufig ein Gläubigerland sein muß, mit langen Planungen, erheblichen Konstruktionsarbeiten, Abstellen von Fachleuten, Heranbilden von landeseigenem Nachwuchs, kurzen Lieferfristen und recht langfristigen Kapitalinvestitionen. Leider fehlt es aber in der deutschen Exportwirtschaft an Kapital.

Es bestünde eine Möglichkeit, die Brücke zum arabischen Raum zu schlagen: durch Dreieckgeschäfte, die Deutschland in die Lage versetzen würden, die Dollarlücke auszufüllen bzw. durch Hilfe der Weltbank. Beide Wege wären möglich, sie sind aber nach den bisherigen Erfahrungen sehr schwierig. Eine dritte Möglichkeit – die die einfachste zu sein scheint und doch wohl die schwierigste ist, wäre die einer aktiven deutschen Beteiligung am Punkt-Vier-Programm zur Förderung unterentwickelter Länder.

Das Punkt-Vier-Programm hat im arabischen Raum allerdings enttäuscht. Es scheint sich als richtig zu erweisen, was vorausschauende Wirtschaftler befürchteten: es schoß am Ziel vorbei. Was in modernen Ländern für einen wirtschaftlichen Aufbau richtig ist, ist es bei weitem noch nicht in Ländern, die ihre eigentliche Entwicklung erst vor einer relativ kurzen Zeit antraten. Das Punkt-Vier-Programm war nicht auf die gegebene Produktions- und Sozialstruktur des Raumes eingestellt, in dem es eingesetzt wurde, sondern auf die Struktur des Landes, in dem seine Theoretiker saßen. Um es in seiner vorgesehenen Form durchzuführen, hätte es nicht nur besserer Einsicht und größerer Geduld bedurft, sondern vor allen Dingen auch eines viel stärkeren Einsatzes von Privatkapital und Privatinitiative. Dieses Kapital aber hätte nur vom Ausland kommen können. Das ausländische Kapital fürchtete jedoch die Unsicherheit. Vergeblich stellte der weitschauende USA-Botschafter Locke in Beirut immer wieder seine Forderungen – und wurde schließlich abberufen. Den wichtigsten Faktor, die reichlich vorhandene Arbeitskraft produktiv zu machen und in den Ländern selbst heranzuziehen, hat man kaum beachtet. Der Plan ist auf Theorie aufgebaut und muß notwendigerweise psychologische Enttäuschungen hervorrufen.

Arabische Kreise haben daraus ihre Folgerungen gezogen und protegieren im Augenblick mehr eine intensive technische Unterstützung als eine finanzielle Hilfe, an deren Möglichkeit man nicht mehr so recht zu glauben scheint. Folgerichtig wandte man sich dabei besonders Deutschland zu, dem man sich aus Tradition verbunden fühlt, dessen technische Leistung einen hervorragenden Ruf besitzt und von dem man nach dem ungeschickten Israelpakt eine Geste erwartet.

Auf deutscher Seite sind die Chancen natürlich längst erkannt worden, und man ist sehr interessiert, diese Fragen weiter zu behandeln. Leider aber sind die arabischen Forderungen noch viel zu hoch. Beiderseits wird man wohl zu weiteren Kompromissen bereit sein müssen, um zu einem günstigen Ergebnis zu kommen.