Zu den Fluggästen, die allwöchentlich, bisweilen auch zweimal in der Woche, zwischen Berlin-Tempelhof und Bonn-Wahn im Flugzeug hin und her pendeln, gehört neben dem massiven Berliner SPD-Vorsitzenden Franz Neumann auch ein beinahe unscheinbarer, kleiner, sehr quecksilbriger Mann: Robert Tillmanns. Die zweimotorige BEA-Maschine mit ihren knapp 25 Sitzen gehört an bestimmten Wochentagen der Berlin-Fraktion des Bundestages aus allen drei Parteien beinahe allein. Kein Wunder, daß sich auf diesen Flügen mehr als im Berliner Abgeordnetenhaus so etwas wie ein gemeinsames Auftreten für Berlin in Bonn formt. Tillmanns, der Vorsitzende des Berliner CDU-Landesverbandes, hat im Bundestag viele Male vergessen lassen, daß die Berliner Abgeordneten einstweilen dort kein Stimmrecht haben. Er ist ein sehr beredter Mann, der sich innerhalb der Abgeordneten seiner Partei in der ersten Legislaturperiode deutlich in den Vordergrund gespielt hat.

Der heute 57jährige hat erst nach 1945 die politische Plattform betreten. Bis 1933 war Tillmanns – er hatte 1921 in Tübingen nach dem Studium der Staatswissenschaften als Dr. rer. pol. promoviert – lange Jahre Geschäftsführer im Wirtschaftswerk der Deutschen Studentenschaft gewesen. 1930 trat er als Regierungsrat in die preußische Unterrichtsverwaltung, Ressort Höhere und Volksschulen, Über. Nach 1933 ging er wiederum in die Wirtschaftsverwaltung, diesmal in die Industrie, und dort blieb er bis zum Kriegsende. So hat sich für ihn jene Kombination aus sozialwirtschaftlichem und pädagogischem Denken gebildet, das sich nach Kriegsende in seinen besonderen politischen Neigungen spiegelte. Als einer der Vertreter Berlins steht sein Name in der Liste der CDU-Begründer im Jahre 1945. In der Sowjetzone ist Tillmanns damals häufig gewesen. Seine eigentliche Aktivität entfaltete er jedoch als Generalsekretär des Hilfswerks der Evangelischen Kirche Ost, Im Evangelischen Hilfswerk der ersten Nachkriegsjahre begann ja die erste ganz spezifisch fruchtbare Tätigkeit auf halbpolitischem Felde für das entmachtete Deutschland. Als vom Evangelischen Hilfswerk aus Deutschlands Name wieder außerhalb der Zonen gehört wurde, stand Tillmanns neben Gerstenmaier in vorderer Linie.

Für die Mehrzahl der CDU-Politiker mochte die CDU mehr das Ergebnis einer taktisch und realpolitisch erforderlichen Überwindung der Konfessionsparteien sein – für Tillmanns wurde aus dieser Frage ein ideologisches Ziel.

Unablässig strebt er danach, aus der Verbindung beider christlichen Konfessionen eine Weltanschauungspartei zu machen. In den letzten Jahren, als Adenauers Regierungsaufgaben dem Kanzler immer weniger Zeit für die Parteiführung ließen, sollte ihm ein Drei-Männer-Kollegium dieses Amt abnehmen. Der robuste Würmeling vertrat den katholischen Part, der gepflegte Kiesinger die Gelassenheit des ausgleichenden Rechts, und Tillmanns wurde in diesem Gremium der "Grundsatz"-Eiferer. Nicht daß er wie Ehlers, Adenauers Vertreter im Parteivorsitz, das evangelische Element in der Partei nur mit mehr Rechten auszustatten ständig bemüht wäre – er ist vielmehr darauf aus, der CDU eine interkonfessionelle ideologische Basis zu geben. Im Wahlkampf des Vorjahrs war Tillmanns besonders darauf bedacht, auf solche Weise für eine Staatspartei zu werben, die abendländisch-christlich und europäisch sein soll.

Er hat häufig in Straßburg gesprochen. Auf vielen Europa-Kongressen ist er zugegen gewesen. Und in den Jahren des "Ohne-mich" ist er besonders in den evangelischen Akademien in Boll und Hermannsburg, doch auch in den Universitäten und Hochschulen mit besonderer Verve gegen jenen anti-europäischen Protestantismus der Niemöller und Heinemann aufgetreten. Man kann sagen, daß Tillmanns der Kanzler-Politik, was Europa und die EVG angeht, besonders im evangelischen Bereich viele zusätzliche Argumente geliefert hat. Heute, wo er einer der vier Minister für Sonderauf gaben im zweiten Kabinett Adenauers ist, wird man bei der Suche nach der Art seiner Aufgaben dies alles zu berücksichtigen haben: er ist evangelisch. Berliner und ein Mann, der gegen die Spannungen im Volk und Staat und in der nun so groß gewordenen Partei fruchtbare Energien aufbieten möchte.

Tillmanns selbst wünscht als Kabinettsminister gar keine Referate und Abteilungen. Er möchte die Beweglichkeit behalten, die er bisher gehabt hat. Er möchte für Berlin und die Sowjetzone, für die europäischen Entwicklungen und die christlichinterkonfessionale Begründung der staatführenden Partei ein beredter Anwalt sein. W. B.