Von Fritz, Schielke

Unlängst wurde der Trakehner schwarze Hengst "Centurio" auf dem Dampfer Düsseldorf in Hamburg nach Buenaventura-Kolumbien verladen. Er ist einer der ersten ostpreußischen Hengste, der 1946 vor den Toren Hamburgs in Wiemerskamp geboren wurde. Dort standen damals die einzigen in die Westzonen geretteten 25 Stuten des Hauptgestüts Trakehnen. "Centurios" Mutter, die Stute "Centifolie", stammt aus der schwarzen Herde des ostpreußischen Gestüts Trakehnen, dem größten und zugleich berühmtesten deutschen Zuchtgestüt. Die 360 Trakehner Mutterstuten waren in fünf Herden eingeteilt, die annähernd gleichmäßige Kopfstärke hatten und auf die verschiedenen Höfe des 24 000 Morgen großen Gestüts verteilt waren. Es gab eine schwarze Herde, die die Rappen zusammenfaßte, eine braune und eine Fuchsherde und zwei gemischte Herden – eine leichte und eine schwere. In der leichten Herde waren hauptsächlich die Schimmel, die meist arabisches Blut führten; in der schweren Herde hatte Oberlandstallmeister Rau die stärkeren und robusteren Stuten zusammengefaßt, um das Wirtschaftsmodell des Trakehner Pferdes den ostpreußischen Züchtern besonders plastisch und nachdrücklich vor Augen zu führen. Jede der Herden hatte ihr besonderes Gepräge.

Ursprünglich war die edle Pferdezucht in Ostpreußen – und als ihr wertvollster Teil das Hauptgestüt Trakehnen – darauf ausgerichtet gewesen, beste Reitpferde für die preußischen und anderen deutschen Armeen zu liefern. Nach dem ersten Weltkrieg glaubte man dann die Züchtung vorwiegend auf die Bedürfnisse der Landwirtschaft zuschneiden zu müssen, darum wurden als Beschäler stärkere Hengste ausgewählt. Man war aber weise genug, sich von der Einmischung fremdrassiger Hengste freizuhalten. Von dem vorübergehend in Trakehnen benutzten anglonormännischen Hengst "Flora!" wurden keine Nachkommen in das Gestüt eingestellt.

Das ostpreußische Pferd galt früher als das beste Militärpferd. Zwischen den beiden Kriegen haben die meisten europäischen und auch einige überseeische Länder Pferde in Ostpreußen gekauft. Kolumbien hat zur Verbesserung seiner Zucht schon 1926 und 1936 einige Zuchthengste aus Ostpreußen importiert, die sich so gut und durchschlagend vererbt haben, daß man nach dem Kriege, sobald die geschäftlichen Beziehungen zu Westdeutschland und zu den Vertretern der Trakehner Pferdezucht aufgenommen werden konnten, im Jahre 1950 acht Hengste und zwanzig junge Stuten nachholte. "Centurio" folgt jetzt als Nachzügler, und im Januar 1954 soll ein weiterer Trakehner die Reise nach Kolumbien antreten.

Die ersten Pferde, die nach der Kapitulation auf dem damals vorgeschriebenen umständlichen Weg des JEIA-Verfahrens von Westdeutschland exportiert wurden, waren auch Trakehner, und zwar handelte es sich um vier Hengste, die nun schon fünf Jahre als Beschäler der schwedischen Gestütsverwaltung in diesem Lande mit bestem Erfolg wirken. In dem staatlichen schwedischen Zuchtgestüt Flyinge haben fast 95 v. H. der zur Zucht bestimmten Fohlen den Trakehner Hengst "Heristal" zum Vater. Auch Frankreich, Belgien, die Schweiz, Italien, Dänemark, Polen und andere Länder holten sich in den letzten Jahren schon wieder Trakehner Pferde.

Von Trakehnen selbst konnten nur 25 Stuten nach Westdeutschland gerettet werden, und von den einstmals 25 000 Stuten der edlen ostpreußischen Landespferdezucht sind heute nur knapp 800 lebende Mutterstuten in dem "Verband der Züchter des Warmblutpferdes Trakehner Abstammung" registriert. Für sie stehen in der Bundesrepublik rund 50 Trakehner Hengste zur Verfügung.

Es ist wohl das erstemal in der Geschichte, daß der Versuch gemacht wird, eine landschaftlich gebundene Tierrasse, deren eigentliches Zuchtgebiet nicht mehr zur Verfügung steht und von der nur kleine, wenn auch sehr wertvolle Teile gerettet worden sind, unter gänzlich veränderten Verhältnissen in einer Art Diaspora weiter zu züchten. Man zweifelte zunächst, ob es gelingen würde, den Typ des Trakehner Pferdes unter den gänzlich veränderten westdeutschen Verhältnissen zu erhalten. Seit aber eine größere Zahl von Trakehnern, die in westdeutschen Zuchtgebieten groß geworden sind, auf den Auktionen und den Wanderausstellungen der DLG immer wieder größte Beachtung und sogar Siegerpreise erhalten haben, sind diese Bedenken zurückgetreten. Und als schließlich bei der DLG-Ausstellung in Köln 1953 die Kollektion der Trakehner Pferde als die "Beste Sammlung der Schau" bezeichnet und mit der einzigen zu vergebenden Goldmedaille ausgezeichnet wurde, sehen die Ostpreußen zuversichtlich in die Zukunft. Schließlich war dieser Erfolg in Konkurrenz mit den großen alten, ungeschädigten westdeutschen Zuchtgebieten von Schleswig-Holstein, Hannover, Oldenburg und Ostfriesland auch wirklich ein ermutigendes Ereignis.

Züchterisch waren diese Erfolge hauptsächlich deshalb möglich, weil zufällig unter den wenigen herübergeretteten Hengsten und Stuten gerade die großen alten Blutlinien, die in Ostpreußen die besten und bekanntesten waren, überwiegen. Jeder ostpreußische Bauernjunge kannte die Namen der großen Trakehner Ahnherren: Tempelhüter, Dampfroß und Pythagoras. Es gibt in Westdeutschland drei geschlossene Zuchtgestüte für ostpreußische Pferde Trakehner Abstammung: Hunnesrück im Kreise Einbeck mit vier Hauptbeschälern, 50 Mutterstuten und den entsprechenden Fohlenjahrgängen. Betreuer dieses Gestüts ist Dr. Ehlert, der letzte Landstallmeister des Hauptgestüts Trakehnen. Dieses Gestüt genießt die Unterstützung des Landes Niedersachsen und der Bundesregierung. Schmoel im Kreis Plön mit zwei Hauptbeschälern und 20 Stuten, und Rantzau im Kreis Plön mit zwei Hauptbeschälern und 20 Mutterstuten. Alle anderen Stuten stehen bei den einzelnen Züchtern in den verschiedenen Ländern der Bundesrepublik.