Wer hatte bisher den Gewinn davon, daß der wirtschaftliche Aufschwung in der Bundesrepublik die Arbeitslosenzahlen beträchtlich senkte: der Arbeiter oder der Angestellte? Die Spezialarbeiter insbesondere haben die Zeit der Erwerbslosigkeit meist überwinden können. Den geringsten Nutzen aber aus der sich bessernden Arbeitsmarktlage hatte – wenn hier überhaupt noch ein Nutzen wahrnehmbar ist – die ältere Angestelltenschaft, und aus dieser wiederum das Heer der Kontoristen und Verkäufer. Es ist üblich geworden, als "ältere Angestellte" Menschen zu bezeichnen, die bei ihrer Bewerbung ihr Alter mit 40 bis 45 Jahren angeben müssen. Teilt man dieses Heer der Erwerbslosen nach Männern und Frauen, so zeigt sich, daß die Männer immerhin noch etwas mehr Aussichten haben als ihre Kolleginnen gleichen Alters.

"Es handelt sich sehr häufig um ausgezeichnete berufserfahrene Kräfte", sagt ein Beamter des Arbeitsamtes, "um Menschen, die sich nicht allein auf unsere Vermittlung verlassen, sondern von sich aus jedem Stelleninserat nachgehen. Manchmal läßt man sie zwei Monate warten, ehe sie eine Antwort kriegen...."

"Keine Antwort auf Bewerbungen?" Da demonstriert er, an Hand seiner Unterlagen, einen wohlausgewerteten "Fall der Praxis", dem nichts Außergewöhnliches anhaftet und der typisch ist.

"Ingeborg B., erstklassige Fremdsprachensckretärin, 38 Jahre, durch Konkurs ihres letzten Arbeitgebers ohne Erwerb, mit besten Zeugnissen, schrieb im letzten Vierteljahr insgesamt 50 Bewerbungen, wobei sie jedesmal alle nur wünschenswerten makellosen Unterlagen beifügte. Sie schrieb auf einschlägige Zeitungsinserate." Selbst die ausgeschnittenen Inserate hat der Beamte vollzählig zur Hand; ein sehr methodischer Mann.

Ein Blick darauf genügt: Diese Stellenausschreibungen mußten für Ingebord B. sehr verlockend sein. "Erstklassige Chefsekretärin gesucht..." hieß es da. "Suchen Sekretärin für Vertrauensstellung mit bester Berufsausbildung..." lautete ein anderes. "Gewandte Sekretärin mit überdurchschnittlicher Erfahrung und Leistung..." ein weiteres. Das alles konnte Ingeborg einwandfrei bieten. "Aber sehen Sie, was bei aller Mühe herauskam, bei fünfzig solchen Inseraten", sagt der Beamte und zieht weitere Unterlagen hervor: 28 v. H. der Bewerbungen blieben ohne jede Antwort. 16 v. H. wurden ohne Kommentar, teils erst nach vier, acht, ja zwölf Wochen wieder zurückgeschickt, davon einige ganz, einige andere unvollständig frankiert, so daß Ingeborg noch das Strafporto zu zahlen hatte. 22 v. H. der Unterlagen kamen sofort mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. In 34 v. H. aller Fälle wurde um eine mündliche Vorstellung ersucht.

"Und nun wollen wir uns", fährt der Beamte fort, "einmal mit diesen 34 Prozent beschäftigen: Ingeborg hat alle die Firmen, die sie sehen wollten, abgeklappert; auch das Arbeitsamt hat sich eingeschaltet. Ich will es vorwegnehmen: alle Bemühungen waren vergeblich. Aber in acht Fällen hätte Ingeborg B. die Stellung ganz sicher bekommen, wenn sie auf das ihr zustehende Gehalt von 400 DM verzichtet und statt dessen mit 250 DM vorlieb genommen hätte! So sieht die rauhe Wirklichkeit aus. Manche Firma trumpft bei ihrer Suche nach einer erstklassigen Chefsekretärin" ganz gern ein bißchen auf. Aber was sie in Wirklichkeit braucht und sucht ist eine tüchtige Stenokontoristin für, wenn’s hoch kommt, 250 DM."

Der "Fall Ingeborg B." steht für viele Fälle: so das Urteil des leitenden Mannes vom Arbeitsamt. Wie stellt sich die Situation des älteren arbeitslosen Angestellten nun in den Augen des Firmenchefs dar? – "Die hochentwickelte Rationalisierung und permanent weiter gesteigerte Verfeinerung aller Arbeitsvorgänge, die Fehlleistungen von sich aus ausschließen, erlauben uns heute, mit viel weniger qualifizierten Angestellten auszukommen, als vor 20 oder 30 Jahren", so erklärt der Personalchef eines großen Industrieunternehmens. Ergo: Es ist heute, mehr als jemals, möglich, junge, noch unerfahrene Menschen anzusetzen.