F. R. S. Fürstnberg

Von der Decke herab baumelt das Modell eines Breslauer Mastkahns: Symbol einer vergangenen, glücklicheren Zeit. Einer Zeit, da noch Schiffseigner, Heizer, Steuermänner und all die anderen Fahrensleute der christlichen Binnenschifffahrt hier an der Theke im "Goldenen Anker" gestanden hatten. Jedesmal, wenn ein Fürstenberger Kahn unten am Kanalkai festgemacht hatte, waren sie erst hier herauf gekommen, ehe es "heim zu Muttern" ging. So seemännisch derb aber auch ihre Witze und Flüche gewesen sein mögen: irgendwo in ihnen hatte noch ein Rest bäuerlicher Behäbigkeit gesessen, herübergerettet aus einer Zeit, als noch nicht der Friedrich-Wilhelm-Kanal die wirtschaftliche Struktur dieser Kleinstadt südlich von Frankfurt/Oder so gründlich gewandelt hatte. 1881 dann, als diese Verbindung zwischen Oder und Spree Fürstenberg, hier an der Mündung des Kanals in die Oder, zu einer Drehscheibe des gesamten Schiffsverkehrs machte, hatten die Bewohner den Pflug mit dem Enterhaken vertauscht.

Die Breslauer Mastkähne, auf denen sie zwischen Oberschlesien und Hamburg hin und her gefahren waren, schwimmen heute auf der Newa. Nur noch das Modell hier im Goldenen Anker ist übriggeblieben aus jenen Tagen. Und kein Schiffer steht mehr hier an der Theke, kein alter Fürstenberger kommt mehr hierher, an den Kanal. Sie haben so und so nichts mehr zu sagen in ihrer Stadt, seit die "Neuen" hier sind. Die "Neuen"? Ich schaue sie mir an. Die alte Schifferkneipe ist brechend voll. Jeder Stuhl ist besetzt, an der Theke stehen sie in dichtem Gedränge. Bier, Schnaps fließt in Strömen. Ein unheimlicher Lärm, Gejohle, Kreischen. An den Wänden lehnen Betrunkene, weißgrau in den Gesichtern. Einer erbricht sich, keiner nimmt davon Notiz, niemand wischt den Dreck weg. So, wie sie an ihren Arbeitsstätten gekleidet sind, sind sie hierhergekommen: in den schmutzigen, verschwitzten, öl- und rußverschmierten Drillichs der Maurer, Zimmerleute, der Arbeiter an den Hochöfen, den Sinteranlagen, den Erzkippen; auffallend viele Frauen darunter, auch sie in den gleichen Kleidungen, die die Männer tragen. Zwei Vopos treten ein. "Raus" brüllt einer der Arbeiter. Ängstlich schauen sich die beiden um, dann verschwinden sie. Gibt es denn hier in Stalinstadt (denn so heißt Fürstenberg heute) keinen SSD, der dafür sorgt, daß die Arbeiter verängstigt sind?

Genosse Willi Garn, der einstige Abdeckergehilfe, der jetzige SSD-Chef von Stalinstadt freilich sucht sich andere Zeiten aus, um seine Opfer zu erlegen. Einstweilen sorgen die unzähligen Spitzel, die überall unter den Arbeitern sitzen, dafür, daß die Namen derjenigen notiert werden, die allzu unvorsichtig sind. Der Stellvertreter Garns, der frühere SA-Mann Preets, wird dann am Morgen durch das Werk gehen und sie verhaften. Die Arbeiter wissen, wie gefährlich der Alkohol für sie ist. Aber was sollen sie machen? Die meisten von ihnen hat man von weither geholt. Manche sind schon seit jenem denkwürdigen 18. August 1950 hier, dem Tag, da Ulbricht den ersten Spatenstich für Werk und Ort getan hat. Andere kamen im Oktober des gleichen Jahres, als man daran ging, aus fruchtbarem Ackerland über Nacht eine Steinwüste zu machen. Dann waren die Spezialarbeiter gekommen. Ein Jahr darauf stand der erste Hochofen; es war ein "sozialistischer Hochofen der nur einen Monat funktionierte, denn die Windzufuhr war völlig ungenügend. So konnten nur minderwertige Erze zu Roheisen verhüttet werden, dessen Qualität für die Stahlproduktion völlig ungeeignet ist. Als das damals bekannt wurde, gab es einen großen. Skandal. Ulbricht höchstpersönlich erschien zur Inspektion, Selbmann, der verantwortliche Minister, wurde vom Politbüro gemaßregelt. Seitdem sind mehr als 55 Kommissionen hier gewesen. Aber weder im Werk noch in der inzwischen aus dem Boden gestampften Wohnstadt, erst recht nicht in den Wohnlagern, hat sich auch nur das geringste geändert... Es wird, seit 1950 in einem fieberhaften überstürzten Tempo aufgebaut. Inzwischen sind weitere drei Hochöfen zu jenem ersten, verplanten, hinzugekommen. Sinteranlagen, Masselgießmaschinen, Erzbetten, ein Reichsbahnausbesserungswerk wurden errichtet, Hunderte von Schienenkilometern in dem zehn Quadratkilometer umfassenden Gelände verlegt, alles mit den üblichen Pannen. Es konnte vorkommen, daß eines Tages so große Mengen an Rohmaterial eintrafen, daß die Arbeitskräfte nicht ausreichten. Zudem mußte das Erz mit der Hand auf die Transportbänder geschippt werden, weil ein Portalkran wie ein Löffelbagger fehlt. Aber: Werkdirektor Fenske und seine Aktivisten: der Bauleiter Framke, der Schmelzer Zingelmann, der BGL-Vorsitzende Pollack und die anderen "Helden des sozialistischen Aufbaus" treiben die Arbeiter zu immer, größeren Leistungen. Da ist der Leiter der Bau-Union Naumburg, der die Frauen, die man seinen Arbeitskommandos zugeteilt hat, zu immer schwereren, schmutzigeren Arbeiten einsetzt. Der Betriebskollektivvertrag, der den Arbeitern aufgezwungen wurde, sieht in § 18 die Schaffung von Ruheräumen für Frauen vor, die in der Schwerindustrie arbeiten. An den Sinteranlagen gibt es weder Ruhemöglichkeiten noch ausreichende sanitäre Einrichtungen. Vier Frauen müssen sich gleichzeitig in einer Schüssel waschen.

Überhaupt: die "Sorge um den Menschen", die von Ulbricht und all seinen Widerkäuern als das Hauptziel der Sozialarbeit bezeichnet worden ist, steht hier nur auf dem Papier. Es gibt nicht einmal ein Krankenhaus hier, lediglich eine Poliklinik mit völlig unzureichender Aufnahmefähigkeit ist vorhanden. Wo ist ein Heim für die Ledigen? Dabei sind seit 1950 über 10 000 Menschen hierhergekommen, die meisten von ihnen sind Männer, die sich allein durchschlagen müssen. Sie hausen in den Wohnlagern, die für je 1250 Mann in Baracken errichtet worden sind, natürlich am äußersten Ende des Gebietes. Wie es hier zugeht, ist kaum zu beschreiben. Da wohnen zum Beispiel in einem Barackenraum von vier mal vier Metern drei Mädchen. Die Wände sind nicht gestrichen, nur ein Schrank ist für die Sachen der drei vorhanden. Die Tür der Bude ist nicht abzuschließen. In einer anderen Baracke hausen in einem kleinen Raum neun Lehrlinge. Die Betten sind ohne Kopfkissen, keine Bezüge. Die Schlafdecken sind seit sechs Monaten nicht gewechselt. Dabei zahlt jeder der neun monatlich 15,– Mark Miete an die Werkleitung. Die Baracken haben keine Innentoiletten. Die "Zentralen Bedürfnisanstalten" erinnern an die Urzeiten der Menschheit. Im Sommer liegt ein unheimlicher Gestank über den Barackenlagern. Im Winter ist der 150 Meter lange Weg dorthin ein einziger Drecktümpel. Aber vielleicht ist das drüben in der Wohnstadt, dem eigentlichen Stalinstadt, anders?

Die schmucklosen, uniform-sozialistisch wirkenden Wohnkasernen ragen aus den letzten Resten der märkischen Kiefern heraus. Der Weg dorthin führt über Straßen, die als solche höchstens in der Phantasie des Chefprojektanten Leucht existieren. Vorläufig ist alles nur aufgeweichter Lehm. Vor den Häusern ragen ungeschälte Masten in den Himmel: ganz oben brennt eine 40-Watt-Funzel, nur noch den Stamm beleuchtend. Tritt man in einen dieser. Wohnblocks, so ist man erschüttert von den Zuständen, die hierinnen herrschen. Keine Balkons, fehlende Wäscheboden, ungenügende Schallisolierung, Waschküchen, die keine Entlüftung haben und in denen das Abflußrohr viel zu hoch liegt: das sind die "Ungeheuerlichen Errungenschaften sozialistischen Städtebaus".

Ich wollte mich unbedingt irgendwo rasieren lassen. Aber einen Frisörladen hat man in Stalinstadt ebenso vergessen, wie etwa eine Schuhmacherwerkstatt. Dafür hat die Stadtleitung unter ihrem Oberbürgermeister Wettengel angekündigt, daß das Hans der deutsch-sowjetischen Freundschaft unmittelbar vor der Vollendung steht.

Kann man es nicht verstehen, daß den Arbeitern da nur noch der Alkohol bleibt? Der Alkohol – oder aber eine Demonstration wie am 17. Juni, als sie alle herunter in das wirkliche Fürstenberg gezogen sind, um zu beweisen, wo sie sich heimisch fühlen. Damals retteten sowjetische Panzer all das, was hier "sozialistisch" ist. Sie konnten nicht mehr die sechs SSD-Spitzel retten, die von der erregten Menge vorher erschlagen wurden.