Mit jedem neuen Fach entsteht eine neue Fachspräche. Nicht nur technisch interessant, sondern auch sprachlich amüsant ist ein Besuch im Fernsehstudio, wie Gerhard Eckert und Karl Tetzner ihn in ihrem Buch "Fernsehen ohne Geheimnisse" (Francis-Verlag, München) aufgezeichnet haben.

Der flüchtige Besucher entdeckt im Fernsehstudio eine Menge Menschen. Sie alle stehen im hellen Licht der Scheinwerfer und der Flächenleuchten.

Doch die im Schatten sieht man nicht, jene vielen Ingenieure und Helfer, die im Kontrollraum, hinter dem Bild- und Tonregiepult sitzen, die als treue Monteure bereitstehen, jeden Defekt zu beheben, und zahllose andere, die mit dem Reportagewagen durch das Land fahren, Filme aufnehmen oder bei Außenübertragungen schwitzend Kabelrollen stemmen, Scheinwerfer schleppen und auf halsbrecherischen Klettertouren den Spiegel der Richtfunkstrecke aufbauen und einrichten. Schließlich sei der Maskenbildner und Friseure gedacht, der Handwerker in der Tischlerei, die für die Kulissen verantwortlich sind, und der dienstfertigen Geister, die für die Reinlichkeit nach Schluß der Sendung sorgen. Was Wunder, daß die Fernsehabteilung des Nordwestdeutschen Rundfunks langsam und unmerklich an dreihundert feste Mitarbeiter herangekommen ist? Dabei sind die Männer, die die Sender und Sendemasten betreuen, und die Beamten der Post auf ihren einsamen Relaistürmen noch nicht einmal mitgezählt.

Die hitzegewohnten Männer im Studio und im Regieraum haben ihre eigene kräftige Sprache. Die Kamera versagt nicht oder hat einen Defekt – nein, schlicht und einleuchtend: "sie wird sauer". Fehlt ihr die Spannung oder ist irgendein wichtiger Stromkreis unterbrochen... denken Sie an den langen Kabelschwanz... dann ist der "Saft" weg. Unser Wetterfrosch steht vor der Kamera. Plötzlich Protest von Nummer drei (3. Kamera) "so kann ich ihn nicht verkaufen", denn irgend etwas stimmt nicht am Make up. Oder "knall ihm noch’n halben drauf" – das bedeutet weiter nichts, als noch einen Effektscheinwerfer mit einem halben Kilowatt Anschlußwert in Betrieb zu setzen.

Wer bei der Sendung unaufmerksam ist, wer schläft und daher als Sprecher oder Kameramann das Bild schmeißt, weil er entweder aus dem vorgesehenen Bereich der Kamera herausläuft oder als Kameraführer schlecht schwenkt, so daß der Aufzunehmende aus dem Bild fällt, der wird "Traumtänzer" genannt.

Wer "heiß gefahren" werden kann, ist beliebt. Er darf ohne Probe sofort vor die Kamera gestellt werden, der andere muß vorher "kalt gefahren" werden, das heißt, es wird ohne eingeschaltete Kamera geprobt. Das flaschenförmige Mikrophon am Galgen heißt "Pulle" oder "Flasche" und kann leicht "sterben" (es gibt auch einen weniger salonfähigen Ausdruck, wenn das Mikro seinen Dienst versagt). –

Sehen wir uns den Lauf der Dinge an. Die drei oder vier im Studio eingesetzten Kameras liefern das Bildsignal, das den Helligkeitswerten jedes Bildpunktes und jeder Zeile entspricht. Bei 625 Zeilen pro Bild und 25 Bildwechseln ergeben sich 15 625 Zeilen pro Sekunde, die nach Rechnung der Techniker in jeder Sekunde etwa 13 Millionen Bildpunkte enthalten. Dieses Bildsignal wandert über das Kamerakabel zum Kamerakontrollgerät. Hier erscheint das Bild erstmalig auf einem Schirm und wird vom bedienenden Techniker kritisch betrachtet. Neben dem Bild beobachtet er auf einem zweiten, kleinen Schirm das sogenannte "Oszillogramm", eine breite, etwas verschwommene Linie, aus deren Zustand der Ingenieur ebensoviel ersehen kann wie der Herzspezialist aus den krausen Linien des Elektrokardiagramms.

Nun wird das Bild in den Regieraum geschickt. Vor dem Pult des verantwortlichen Regisseurs stehen gleich fünf Bildschirme. Auf drei von ihnen erscheinen die Bilder der drei im Studio eingesetzten Kameras oder eventuell des Filmgebers. Der Regisseur muß nunmehr dasjenige der Bilder auswählen, das er dem Sender zuschicken will. Dies geschieht durchweg an Hand des vorbereiteten Drehbuchs, in dem bei Fernsehspielen die vielfach geprobten Szenen und ihre sorgfältig festgelegten "Kameraschüsse" niedergelegt sind. Links sitzt der Bildmeister, der nach Anweisung des Regisseurs die ausgewählten Bilder "abgehen" läßt. Mit Hilfe von Druckknöpfen oder Reglern wird eines der Kamerabilder über Kabel oder Richtfunkstrecke zum Fernsehsender geleitet, nicht ohne vorher nochmals am einem Bildschirm – Nummer vier – zu erscheinen Auf dem fünften Schirm sieht man dieses Bilc nochmals, jedoch mit einem kleinen, aber wichtiges Unterschied. Es handelt sich jetzt um das drahtlos vom Fernsehsender empfangene Bild. Der Regisseur muß also fünf Augen besitzen, wenn er alles zu gleich überwachen will. Daneben gibt er über da Mikrophon den drei Kameramännern genaue An Weisungen, hört auf ihre Rückmeldungen und spricht schließlich noch mit seinem Beleuchter um anderen wichtigen Männern...