Von Ernst Kinder

Die Frage, ob religiöser Glaube ohne Fürwahrhalten der von seiner Überlieferung behaupteten realen Begebenheiten und Sachverhalte möglich sei oder nicht, ist der eigentliche Kern eines Theologenstreites, der die protestantische Welt zur Zeit lebhaft beschäftigt. Wir haben den evangelischen Theologen der Universität Münster, Professor Ernst Kinder, um seine Stellungnahme zu dieser Kontroverse gebeten, um unseren Lesern ein klares Bild der den gläubigen oder nicht gläubigen Laien vielleicht schwer verständlichen Streitpunkte zu vermitteln.

Durch die evangelische Theologie in Deutschland geht seit einiger Zeit eine leidenschaftliche Auseinandersetzung, die mit dem Namen des Marurger Theologen Rudolf Bultmann verbunden und durch das von ihm angeregte Programm der Entmythologisierung des Neuen Testamentes" ekennzeichnet ist. In dieser Auseinandersetzung andelt es sich zunächst um die rechte Erfassung essen, was das Neue Testament eigentlich will. Mit Recht weist Bultmann darauf hin, daß die neuestamentlichen Schriften gar nicht objektiv-histoische Berichte von Christus und von der Christusgeschichte geben wollen, sondern daß sie vielmehr Glaubenszeugnisse sind, in denen sich die von Christus angestoßenen entscheidenden religiösen Erfahrungen und Erkenntnisse aussprechen. Es landelt sich also um eine durch Christus vermittelte grundsätzlich neue Selbstauffassung der menschlichen Existenz in ihrem Verhältnis zu Gott und zur Umwelt, und zwar als Kerygma, das heißt als Verkündigung an andere, die sie in Herz und Gewissen anspricht und vor die Entscheidung stellt, im bei ihnen gleichen Christusglauben hervorzurufen, das heißt: ein ebensolches neues Existenzverständnis.

Nun sprechen sich aber diese neutestamentlichen Glaubens- und Verkündigungszeugnisse in mythologischer Form aus, also in dem Rahmen und mit den Vorstellungsformen des antiken "dreistöckigen" Weltbildes, zu dem wir heutigen Menschen infolge der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften keine Beziehung mehr haben. Sie sind deswegen für uns nicht wertlos, wie dies der protestantische Liberalismus des vorigen Jahrhunderts meinte; jedoch müssen sie – nach Bultmann – aus ihrer mythologischen Form auf das hinter ihnen stehende und sich in ihnen aussprechende Existenzverständnis zurückgeführt (gleichsam dechiffriert, rückübersetzt) werden, und dieses muß von der Theologie in einer neuen, den heutigen Menschen ansprechenden und treffenden Weise zum Ausdruck gebracht werden. So darf man in Bultmanns theologischem Programm nicht bloß das Negative sehen: "Entmythologisierung des Neuen Testamentes", sondern man muß sein positives Anliegen berücksichtigen, das er als "existentiale Interpretation des Neuen Testamentes" bezeichnet. Hieraus möchten er und seine Schule ein methodisches Leitprinzip zur rechten Auslegung des Neuen Testamentes machen. Er will, daß man im Neuen Testament nicht so sehr nach den objektiven Tatbeständen als solchen fragen dürfe, sondern nach den verkündigungsmäßigen Motiven, die dahinter stecken, und nach ihrer religiösen-existentialen Bedeutsamkeit.

Kein Thema hat in der evangelischen Theologie Deutschlands nach dem zweiten Weltkriege eine solche Bewegung ausgelöst wie dieses. Der tiefere Grund dafür scheint mir darin zu liegen, daß es in dem Streit für und wider das theologische Programm Bultmanns nicht nur um fachwissenschaftliche Fragen der rechten Interpretation des Neuen Testamentes geht, die an ihrer Stelle zweifellos sehr wichtig sind; es geht hier zugleich um latente Grundfragen der protestantischen Theologie von länger her; ja, es kommen gewisse neuralgische Punkte des protestantischen Prinzips überhaupt zum Ausbruch, die nun grundsätzlich durchgerungen werden müssen. Es handelt sich, kurz gesagt, darum, wie sich bezüglich der christlichen Wahrheiten die existentiell-religiöse Bedeutsamkeit und ihre überpersönliche (transpersonale) Wirklichkeit zueinander verhalten, und ob das erste auf Kosten des zweiten behauptet werden kann. So hat der Göttinger Theologe Friedrich Gogarten in einer kürzlich erschienenen Schrift "Entmythologisierung und Kirche" den Streit um die Entmythologisierung von einer fachwissenschaftlichen neutestamentlichen Auseinandersetzung auf diese grundsätzliche Auseinandersetzung um das Verhältnis von existenzbezogener Bedeutsamkeit und objektiver Wirklichkeit nach dem protestantischen Prinzip zurückgeführt.

Es wurde verschiedentlich ausgesprochen – und Bultmann und seine Anhänger und Befürworter berufen sich selbst gern darauf daß die Grundsätze des theologischen Programms der "Entmythologisierung" und "existentialen Interpretation" im Grunde nur eine Radikalisierung der Motive und des Prinzips der Reformation Luthers darstellen; das Eigentliche dieser Reformation bestehe doch darin, daß Luther aus dem Geist des Neuen Testamentes heraus und ihm gemäß gegen die katholischscholastische Theologie und Metaphysik des Mittelalters darauf drang, die christliche Offenbarung sei nicht Enthüllung seinshafter übersinnlicher Tatbestände und objektiver übernatürlicher Lehren, sondern sie sei die Selbsterschließung des persönlichen Willens und Herzens Gottes. Luther drang darauf, daß der christliche Glaube nicht Für-wahr-Halten von Tatbeständen oder Lehren sei, sondern Vertrauen und Gehorsam des Herzens und Gewissens, welches von diesem persönlichen Willen Gottes in Gericht und Gnade getroffen ist; der christliche Heilsweg bestehe in der Gewinnung einer neuen Haltung, eines neuen persönlichen Verhältnisses zu Gott und daraus einer grundsätzlich neuen Einstellung zur Welt.

So richtig und so wichtig dies alles ist, so ist es eben doch nur zur Hälfte richtig, zur anderen Hälfte aber verkehrt; und die verkehrte andere Hälfte droht die erste Hälfte in ihrer Richtigkeit und Wichtigkeit aufzuheben und zu zersetzen. Es ist hier auch nur die eine Seite der Motive Luthers beachtet und einseitig radikalisiert; die andere Seite bei Luther, die er ebenso entschieden betonte, aber ist völlig außer acht gelassen. Der entscheidende Fehler – oder zumindest die bedrohliche Gefahr, die sich in jener Richtung der heutigen protestantischen Theologie abzeichnet, liegt darin, daß hier aus dem personhaften und dem seinshaften Charakter der christlichen Wahrheit, aus existenzbezogener Bedeutsamkeit und objektiver Tatsächlichkeit der Inhalte der christlichen Botschaft ein sich gegenseitig ausschließendes Entweder-Oder gemacht wird, so wie es etwa der liberale Theologe Albrecht Ritschl vor 70 Jahren formuliert hat: ‚Religiöse Urteile sind Werturteile, und nicht Seinsurteile!‘ In diesem entgegensetzenden und ausschließenden "und nicht" liegt aber der entscheidende Fehler, ähnlich dem, als wenn einer sagen würde: "Dieser Baum ist nicht groß, sondern grün!" So wie dieses "sondern" falsch ist, so wäre auch jene ausschließende Entgegensetzung von Bedeutsamkeit oder Tatsächlichkeit in bezug auf die Wahrheiten der christlichen Botschaft falsch und gefährlich. Wenn die protestantische Theologie um des mit Recht betonten existenzbezogenen Charakters der christlichen Botschaft willen den grundsätzlichen Verzicht auf ihren Seins- und Tatsachengehalt aussprechen würde, würde sie konsequenterweise zu einem Christentum des "Als-ob" führen, das sich in bloßer, innerer Geltung und Bedeutsamkeit erschöpft und aufgelöst; sie würde mit dem Verzicht auf reale Tatsächlichkeit schließlich auch die existentiale Bedeutsamkeit, auf die mit Recht so gedrungen wird, verlieren; denn diese schließt nicht aus, sondern ein und fordert sie um ihrer selbst willen.