Die ZEIT hatte (in Nummer 44) sich mit den anno 1945 vom Amt suspendierten und bisher nicht wieder eingegliederten Hochschullehrern beschäftigt. "Es sind noch 95 Professoren" hatte die ZEIT gesagt, wobei sie auf Angaben offizieller Stellen fußte. "Es sind noch 230 Professoren", erwidert Dr. Rudolf Buchner, Tübingen, der im folgenden Artikel im Namen der Betroffenen spricht.

Wir geben zu: Der Artikel in der ZEIT "Es sind noch 95 Professoren" hat sich in dankenswerter Weise um Klärung eines höchst verwickelten Problems bemüht und war von dem offensichtlichen Willen getragen, die Dinge sachlich und unvoreingenommen darzustellen. Ganz gelungen ist ihm das leider infolge der verwirrenden bisherigen Debatte nicht.

Für die Gruppe der aus politischen Gründen entlassenen Hochschullehrer hat Professor Felgenträger, Hamburg, die Zahl der noch nicht in ihr Amt Zurückgekehrten in der "Frankfurter Allgemeinen" auf 409 beziffert. Was ist aus diesen geworden? 67 sind inzwischen (nach Felgenträgers Angaben) verstorben. Weitere 70 sind emeritiert, 89 pensioniert. Ein erheblicher Teil von ihnen hat aber auch heute die Altersgrenze nicht erreicht, könnte also lehren, wenn er es dürfte. Man darf schätzen, daß etwa zwei Drittel der 159 zur Ruhe Gesetzten, also 106, nicht mehr einsatzfähig und von der Zahl 409 abzuziehen sind. Nicht abgezogen werden dürfen die folgenden Gruppen Felgenträgers: die 35, die "in einem etwa gleichwertigen öffentlichen oder privaten Anstellungsverhältnis (etwa als Chefarzt) stehen, und die 43 "in freien Berufen (etwa als Facharzt)" Tätigen. Sie mögen versorgt sein. Aus ihrem Lehramt sind sie entfernt. Ihre wissenschaftliche Forschung und-Lehre geht noch heute der Hochschule verloren.

Somit ergibt sich, daß noch rund 230 ehemals schon beamtete Hochschullehrer von ihrem Lehramt ferngehalten werden. Eine mittlere Hochschule wie die Universität Tübingen hat etwas über 100 beamtete Professoren. Die Zahl von 230 Ferngehaltenen entspricht also immerhin dem vollen Bestand von nicht weniger als zwei mittleren Hochschulen. Ein geistiges Potential von diesem Umfang liegt also noch heute brach oder ist wenigstens nicht nach Leistung und Können verwendet. Was würde man sagen, wenn vom Führungsstab der Industrie noch heute über 10 v. H. (es wirken heute 2150 beamtete Hochschullehrer) dem ihnen zukommenden Wirkungskreis ferngehalten würden?

Die gesamten 230 Hochschullehrer sind fast alle rechtskräftig ohne Berufsbeschränkung entnazifiziert. Wie kann man ihnen ihr Amt und das Recht, Vorlesungen zu halten, verweigern, ohne mit dem Grundgesetz (Art. 3, 5, 33) in unlösbaren Widerspruch zu geraten? Die Fakultäten haben faktisch ein Überentnazifizierungsrecht in Anspruch genommen, für das es keinerlei Rechtsgrundlage gibt. Sie haben darin nach Ermessen und unter Fakultätsgeheimnis entschieden – oft auf Grund von Behauptungen, zu denen der Beschuldigte nicht gehört wurde, ja von denen er wegen des Fakultätsgeheimnisses nicht einmal erfahren durfte.

Dem wird freilich oft entgegengehalten, eben aus politischen Gründen sei die Rückkehr der aus ihrem Amt Verdrängten nicht tragbar; sie bildeten eine Gefahr für den demokratischen Aufbau der Hochschulen. Aber ist es denkbar, daß gerade unter den Hochschullehrern der phantastische Satz von 14 Prozent politisch untragbar sein sollen, während alle anderen Berufe einen viel geringeren Promille-Satz aufweisen? Ist nicht das Wahlergebnis vom 6. September ein Beweis, daß die Furcht vor dem Neonazismus bei uns weit übertrieben worden war, daß in Wirklichkeit die Zahl der Unbelehrbaren verschwindend gering ist – aller Wahrscheinlichkeit nach auch unter den Hochschullehrern? Und weiß nicht jeder, der etwas Einblick hat, daß vor allem in den ersten Jahren ihre Wiedereinstellung oder Nicht-Wiedereinstellung einem Glücksspiel glich, daß die Maßstäbe in einem Land ungemein scharf, im anderen mehr oder weniger liberal waren, daß insbesondere an die neugegründete Universität Mainz eine Anzahl von Könnern berufen wurden, obwohl sie verhältnismäßig schwer "belastet" waren? Zu meinen, die heute noch Ausgeschlossenen bildeten einen Rest der "schlimmsten" Nazi, ist daher, ein großer Irrtum. Viele, die mit Mühe und Not in die Gruppe 4 der Entnazifizierung kamen, amtieren längst wieder; andere, die in Gruppe 5 eingereiht wurden, sitzen nach wie vor draußen.

Daß es auch "schwierige Fälle" gibt, soll nicht geleugnet werden. Beim Vorliegen ernsthafter und nachgewiesener (nicht nur behaupteter) Bedenken muß für sie eine Kompromißlösung gefunden werden, die nicht immer in faktischer Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit zu bestehen braucht.