Während eines halben Jahres hatten wir – mein holländischer Kollege Jan und ich – im Rahmen einer technischen UNO-Mission kreuz und quer das tropische Honduras durchreist. Unsere offizielle Aufgabe war erfüllt, aber noch nicht mein persönlicher Wunsch, die sehr unzugänglich liegenden Ruinen der alten Maya-Metropole Copan zu sehen. Den Besuch in Copan schuldete ich schon dem jungen Maisgott, der mir die tägliche Morgen-, Mittag- und Abendkost schon der alten Mayas, Campesinos-Maiskuchen (= Tortillas) und Bohnen (= Frijolles), beschert hatte. Meine Reisepläne nahmen eine feste Form an, als ich eines Tages im "Golden Slipper", dem Lokal von Don Fritz, dem Schweizer Wirt, einen verstaubten Globetrotter traf. Mr. Ohle war deutscher Herkunft. Darauf tranken wir einen. Er war – ebenso wie ich – Jünger der chemischen Wissenschaft. Darauf becherten wir. Als sich schließlich noch herausstellte, daß wir beide im Bann der Mayas standen und jeder wiederholt versucht hatte, nach Copan zu gelangen, leerten sich die Gläser mit Whisky, Tom Collins und Cuba libre wie bei einem Paternosterwerk. Lautere Interpreten der Mayakultur dürfte es nicht gegeben haben, als uns damals in der "Urwald-Bar" von Don Fritz. Durch die Hilfe von Wirt und Gästen fanden wir bald einen sicheren Weg zu den Ruinen zu gelangen: mit dem Flugzeug.

Kurz vor Ende der tropischen Regenzeit nahm unsere Maschine zunächst Kurs auf San Pedro Sula, der heißen Stadt unweit der karibischen Küste, dann westlich auf Santa Barbara, der Stadt der Panamahüte, und befand sich kurz hinter Santa Rosa de Copan über dem Gebiet der alten Maya-Metropole. Im schon stark zurückgedrängten Dschungel erkannten wir den riesigen Komplex der Tempelstadt mit der Akropolis mitten im saftigen Grün. Pyramiden mit Baumwuchs, Tempel, Terrassen und riesige Plätze lagen in wunderbarer Planung da, während von den früher zweifellos vorhanden gewesenen ärmlichen Häusern und Hütten der Bewohner nichts mehr zu sehen war. Einige kleinere überwachsene Hügel ließen die riesige Ausdehnung der früheren Stadt ahnen. Eine weite Schleife vor der Landung zeigte uns auch die Rückseite der heiligen Stadt. Hier hatten die reißenden Fluten des Copan-Flusses den größten archäologischen Querschnitt der Welt gesägt: Auf einer Länge von über 300 Metern war ein über 35 Meter hohes Profil der Akropolis freigelegt worden. Die rauhe Landung auf einer Art Viehweide riß uns unsanft aus unseren Träumen. Durch eine breite Eingangsschneise im kleinen Dschungelwald strebten wir der Tempelstadt zu.

Ein riesiger Platz von über 200 Meter Länge und 100 Meter Breite war rings von Treppenanlagen eingefaßt. Mit seltsamen Hieroglyphen übersäte Kalendersteine, Altäre und kleine Tempel in diesem Hof ließen uns hier die Stätte der Kulthandlungen vermuten. An der Stirnseite der großen Plaza lag breit und harmonisch der "Ballspielhof" mit gepflastertem Boden im Schatten mächtiger Bäume, so, als wenn die Spieler mit ihren Kautschukbällen ihn gerade eben erst verlassen hätten. Zum Tempel linker Hand führte eine mit wunderbaren Skulpturen geschmückte Treppe himmelan. Sie enthält die längste bekannte Maya-Inschrift: 2500 einzelne Hieroglyphen. Rechts schließen sich weitere, noch höhere Tempel, Treppen und Plätze an.

Ich ließ mich auf den Stufen des "Tempels der Meditation" nieder. Das also war das kulturelle Zentrum des Alten Mayareiches, das "Alexandrien der Neuen Welt"! Hier rechneten die Priester und Gelehrten schon mit der Zahl Null, 1500 Jahre vor den Abendländern, ihr Kalender war genauer als der gregorianische Europas. Durch alle 20 Jahre aufgestellte Kalendersteine wurden Zeitabweichungen korrigiert. Außer den heute entzifferbaren Zeitmarken enthielten diese Stellen noch nichtdeutbare Angaben über gewisse Riten. Die Zeitmarke 497 n. Chr. zeigt ein bedeutendes, aber unbekanntes Ereignis an. Schließlich, 805 n. Chr., hört die Errichtung von Kalendersteinen in Copan plötzlich auf. Die Zeit steht still, nicht nur hier, sondern in allen Städten des Alten Mayareiches. Überall wurden die Städte verlassen und es begann der große Auszug nach dem Norden Yucatans, wo das "Neue Reich der Maya" erstand. Die Wissenschaft glaubt heute das Geheimnis des Auszuges gelöst zu haben. Danach waren die Mayas wohl hervorragende Mathematiker, Astronomen, Künstler und Architekten, aber keine tüchtigen Bauern. Die Erfindung des Pfluges blieb ihnen versagt. Nur mit einem Pflanzstock stocherten sie den Mais in den ärmlichen Boden, der wegen der mangelnden Bearbeitung und der Monokultur schnell verarmte. Dann machte der Maya genau das, was auch heute noch der Campesino tut: er schaffte sich durch Abbrennen des Waldes neuen Boden. Diese "Milpa"-Wirtschaft führt zu einem Stadium, in dem der Wald verschwindet und die unfruchtbare Steppe siegt. Genau das soll auch das Schicksal Copans gewesen sein.

Nach dem Copan-Besuch bestieg ich die Maschine von Guatemala nach Yucatan. Unten dehnten sich ungeheure Urwälder. Dann und wann erhoben sich mitten im Dschungel wie große Maulwurfshügel bewachsene Kuppen, oft mehrere dicht nebeneinander. Es waren tote Mayastädte wie Copan, wenn auch kleiner. Von Merida brachte mich Don Antonio, ein guter Landeskenner, noch 120 km durch den späten Abend nach der Ruinenstadt Chichen Itza.

Wie ein Märchenschloß lag das Hotel "Mayaland" inmitten von üppigen Gärten und Teichen. Hier träumte ich den Rest der Nacht von Tempeln, Mayapriestern und Prozessionen. Doch der Anblick, der sich mir morgens bot, schien jeden Traum zu übertreffen. Vor mir, auf einem riesigen Platz, stand hell im Sonnenlicht gegen den dunklen Dschungel die große Pyramide. Die breiten, himmelstürmenden Treppen wurden durch je zwei riesige "gefiederte Schlangen" bewacht. Nachdem ich mich die ungewöhnlich hohen Stufen bis zur Spitze der Pyramide emporgearbeitet hatte, sah ich breit und feingegliedert den "Tempel der Krieger" mit langen Kolonnaden, rechts dahinter den Marktplatz mit seinen vielen Säulen und Hallen. Zur Linken erstreckte sich in einer Länge von 150 Meter der weltbekannte "Ballspielhof". Ein heller breiter Weg gegenüber dem "Castillo" verlor sich nach einigen hundert Metern plötzlich im Dschungel. Vom Süden leuchteten über die hohen Baumwipfel die gewaltigen Ruinen des Maya-Observatoriums.

Hier lag eine Stadt, deren Architektur, deutlich erkennbar, mayafremde Elemente enthielt. Mexikanische Eroberer um 900 bis 1000 n. Chr. brachten Pfeil und Bogen, aber auch ihren Gott, die "gefiederte Schlange", Quetzalcoatl, mit, dem Menschenopfer in großer Zahl angenehm waren. Überall sieht man noch Spuren des blutigen Kults. Der "Platz der Schädel", Tzompantli, trägt einen ungeheuren Flies mit vielen Hunderten, wenn nicht gar Tausenden von eingemeißelten Schädeln der Geopferten. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist ein Adler, der ein Menschenherz verzehrt.