Was hätten wir wohl gedacht, wenn wir eines Tages vor dem Kriege die Nachricht gelesen hätten, ein Gericht unter dem Vorsitz des Feldmarschalls von Brauchitsch habe Himmler, Kaltenbrunner, Heydrich und andere seiner Gefolgsleute zum Tode verurteilt? Wie hätten wir uns nach einem solchen Ereignis die künftige Entwicklung des Regimes vorgestellt, an dessen Spitze – nach einem natürlichen Tode Hitlers – etwa Bormann und Ribbentrop gestanden hätten? Welchen Einfluß auf diese Männer und insbesondere auf ihr künftiges außenpolitisches Verhalten hätten wir der Wehrmacht zugeschrieben, deren führende Rolle bei der Beseitigung Himmlers und bei der Entmachtung seines Apparates so deutlich durch die amtliche Mitteilung offenbar geworden wäre, das Gericht habe unter dem Vorsitz von Feldmarschall Brauchitsch getagt!

Eben eine solche Nachricht haben wir Weihnachten gelesen, nur kam sie – aus Moskau, und es handelte sich um Berija und Konjew. Wir wollen gewiß nicht phantastische Parallelen zu Tode hetzen – die Sowjetunion ist etwas anderes als das Dritte Reich, und vor allem läßt sich die Sowjetarmee nicht mit der einstigen deutschen Wehrmacht vergleichen. Aber bis zu einem gewissen Grade sollten wir doch unsere Phantasie, auf die wir nun einmal bei der Beurteilung innerrussischer Vorgänge angewiesen sind, durch die einzigen Erfahrungen befruchten lassen, die wir aus eigenem Erleben von Machtkonstellationen und Machtkämpfen in einem totalitären Regime haben.

Die Tatsache, daß der Oberbefehlshaber der sowjetischen Landstreitkräfte den Prozeß gegen den Chef des Sicherheitsdienstes geleitet hat, bestätigt die Auffassung, daß ohne die Unterstützung der Armee eine Verhaftung Berijas unvorstellbar gewesen wäre. War dieser doch unumschränkter Herr über die Divisionen der Staatspolizei! Seitdem hat eine Reihe von Beförderungen und Versetzungen dargetan, daß die militärische Führung wachsenden Einfluß gewinnt. Besondere Beachtung verdient, daß Dekanosow, der mit Berija hingerichtet worden ist, als Chef der Staatspolizei in der Georgischen Republik durch den Armeegeneral Inauri ersetzt wurde und daß der Kommandant der Kremlwache, General der Staatspolizei Spiridonow, abgelöst wurde durch den Armeegeneral Vedinin. Während also alte Schlüsselpositionen des Sicherheitsdienstes jetzt von der Wehrmacht übernommen werden, scheint die Staatspolizei gleichzeitig auch Kompetenzen an die zivile Verwaltung abgeben zu müssen. Es handelt sich um Verwaltungsgebiete, die bisher dem MWD unterstanden, weil auf ihnen Zwangsarbeiter verwendet werden. Der Rußlandspezialist der New York Times, Schwartz, hat darauf hingewiesen, daß ein Leiter des Planungsamtes für den Bau von Wasserkraftwerken, ein Mann namens Zhuk, kürzlich in der sowjetischen Presse als Mitglied des Ministeriums für Kraftwesen aufgeführt wurde, während sein Amt bisher der Staatspolizei unterstand. Als weiteres Beispiel für diese Entwicklung führt Schwartz an, daß der Verwaltungsbereich des zugleich mit Berija hingerichteten Generalobersten der Staatssicherheit Godlidze, nämlich das Gold produzierende Gebiet am Kolima, zu einer besonderen Provinz gemacht und daher vermutlich der normalen Verwaltung unterstellt worden sei. In dieses Bild der Machtbeschränkung des Sicherheitsdienstes paßt, daß der Nachfolger Berijas als Innenminister, Kruglow, in der sowjetischen Presse selten und nicht an hervorragender Stelle erwähnt wird.

Nach alledem kann wohl kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß Malenkow und die Parteiführung die Armee gegen die Polizei ausspielen mußten, um Berijas Herr zu werden. Damit haben sie der Armeeführung einen Einfluß eingeräumt, der sich auf allen Gebieten, nicht zuletzt auf dem der Außenpolitik, bemerkbar machen muß. Das wird gewiß ein fachlicher und kein doktrinärer Einfluß sein. Er vereint sich mit den ebenso sachlichen Tendenzen der Wirtschaft, die schon vor Stalins Tod einsehen mußte, daß das durch den Angriff auf Südkorea ausgelöste Wettrüsten mit dem Westen an den wirtschaftlichen Möglichkeiten seine Grenze gefunden hat. Das Scheitern des Wettrüstens und die Notwendigkeit von Zugeständnissen an den Konsumenten zwingen die Machthaber der Sowjetunion dazu, eine außenpolitische Entspannung zu suchen, ohne die eine Verlangsamung des Rüstungstempos zugunsten einer Hebung des Lebensstandards in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten lebensgefährlich wäre.

Das Unglück ist nur, daß sich auf der Gegenseite ein ganz ähnlicher Prozeß abspielt. Auch Amerika glaubt sich aus innerpolitischen Gründen nicht mehr in der Lage, auf längere Frist starke Okkupationstruppen in Europa zu unterhalten. Desgleichen England. Der Rücksicht auf den Konsumenten in der Sowjetunion entspricht die Rücksicht auf den Steuerzahler in den Vereinigten Staaten. Ebenso wie den Satelliten nicht mehr das bisherige Rüstungstempo zugemutet werden kann, sind die Rüstungsziele für die Nato-Länder, die vor zwei Jahren in Lissabon als ein Mindestmaß aufgestellt wurden, aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben worden. Auch ist es nicht gelungen, das Gleichgewicht der Kräfte durch die deutsche Aufrüstung im Rahmen der Europa-Armee zugunsten des Westens zu brechen.

Mit einem Wort –: der Westen hat die Entwicklung in der Sowjetunion nicht zu nutzen verstanden, nämlich das Zusammentreffen der zwangsläufigen wirtschafts- und rüstungspolitischen Umstellung mit dem Aufkommen neuer Kräfte nach dem Ende der Parteidiktatur Stalins. Jede Hoffnung auf die von der Parteidiktatur befreiten Kräfte der Sowjetunion ist so lange illusorisch, wie der Westen nicht durch die Aufrüstung Deutschlands das militärische Übergewicht erhält. Nichts berechtigt zu der Annahme, daß die Sowjetarmee ihren stärkeren Einfluß auf die Außenpolitik des Regimes dazu benutzen wird, die strategischen Vorteile der Besetzung Mitteldeutschlands aufzugeben.

Alles, was die neuen Männer im Kreml brauchen, um ihre Macht zu konsolidieren, ist eine Entspannung des status quo, die ihnen eine Atempause gibt. Warum sollte das nicht gelingen in einem Wahljahr, das Eisenhower zur Anerkennung des status quo in Korea und zum Rückzug zweier Divisionen veranlaßt hat? Warum sollte das nicht gelingen, wenn Churchill im voraus Sicherheitsangebote an die Sowjetunion macht? Und warum vor allem sollte das nicht gelingen, wenn Frankreich mehr an die Wiederbelebung des französischsowjetischen Bündnisses gegen Deutschland als an die Sicherung Europas vor der Sowjetunion durch deutsche Divisionen denkt?

Eine Entspannung der internationalen Lage dürfte auf der Berliner Konferenz schon zustande kommen. Es fragt sich nur, ob sie die Wiedervereinigung Deutschlands fördert oder nicht. Im zweiten Fall würde die Entspannung sehr kurzfristig sein. Paul Bourdin