Wir hörten:

Verlangt der Hörer, daß eine Sendung "funkisch" ist? Er will vor allem, daß sie ihn interessiert. Sobald die Technik seine Aufmerksamkeit allzu stark in Anspruch nimmt, lenkt sie ihn auch ab. Das intensivste Hören ist ein unbewußtes Hören, das manchmal auf die allereinfachste Weise zu wecken und wach zu halten ist: durch bloßes Vorlesen eines sei es auch sehr umfangreichen Textes. Mathias Wiemans Lesung von Hemingways "Der alte Mann und das Meer", vor etwa einem Jahr zuerst gesendet, hat trotz ihrer zweistündigen Dauer schon eine ganze Reihe von Wiederholungen erlebt. Etwas über zwei Stunden dauerte auch die Sendung von UKW Nord, in der Sibylle Schmitz Thornton Wilders wunderbar gelassene und weise Erzählung "Die Frau aus Andros" schlicht und ohne dramatische Akzente vorlas. Die Zeit wurde keinem zu lang. Selbst ein scheinbar ganz funkwidriges Wagnis wie der Vortrag eines komplizierten Dramas durch eine einzige Stimme kann mitunter gelingen, wenigstens dann, wenn diese Stimme so viele Register vom Baß bis ins Falsett zur Verfügung hat wie die Maria Feins. Die großartige Darstellerin aus der Reinhardt-Tradition sprach alle Rollen in Hofmannsthals grotesker Komödie "Der Schwierige", von der Parade-Titelrolle, die einst Gustav Waldau berühmt machte, bis zur kleinsten Nebenrolle. Die Einheit des Wiener Dialekts, an der die Aufführungen fast immer scheitern, war durch die Persönlichkeit der Wienerin Maria Fein gesichert. Die zweistündige Bandaufnahme des NWDR wird, von allen anderen abgesehen, ein hervorragendes Dokument für Geist und Kunst Wiens zur Zeit seiner letzten Hochblüte bleiben.

Wir werden hören:

Donnerstag, 7. Januar, 19.30 vom NWDR:

Hebbels "Nibelungen" sind ein Wortdrama, ganz auf Dialog gestellt. Verlangen sie die Bühne? Wilhelm Semmelroth, der Kölner Hörspieldramaturg und Regisseur, ist der Meinung, daß aller szenischer Aufwand nur vom wesentlichen des Werkes ablenkt. Er bringt die Trilogie an zwei Abenden ("Kriemhilds Rache" am Freitag um 19.30 Uhr) als Hörspiel in einer Besetzung, die heute kaum ein deutsches Theater aufweisen könnte: Maria Becker und Lieselotte Schreiner sind die Königinnen, Max Eckard der Siegfried, Hermann Schomberg der Hagen, Fritz Kortner der Etzel.

22.20 aus Frankfurt: Der Liegnitzer Professor Karl Friedrich Flögel, der eine "Geschichte der komischen Literatur" schrieb, weil er der Ansicht war, daß "das Lachen ein Zweck Gottes und folglich wohl wert sei, daß man darüber nachdenkt", war der erste, der den "Humor ernst genommen" hat. Die ZEIT hatte das Andenken an diesen Gelehrten zuerst wachgerufen. Über ihn spricht V. O. Stomps, der selbst humorvolle Bücher verlaßt und verlegt.

23.15 vom SWF: Walter Hauck, einer der wenigen Sänger von heute, die sich ganz aufs Konzert konzentrieren, singt Wolfgang Fortners ,,Songs nach Texten von Shakespeare".