Es ist schon keine Weisheit mehr, daß Geschichte "gemacht" wird. Aber seltsamerweise wird sie meistens zweimal gemacht. Zuerst durch Ereignisse und Unternehmungen, danach durch die Historiker, die nicht immer dem wirklichen Geschehen die Ehre geben oder auch Irrtümern unterworfen sind. Je größer jedoch das allgemeine Interesse an der geschichtlichen Darstellung wurde, desto weniger konnte sie sachlich bleiben. Also bildeten sich Abarten wie der historische Roman und die Biographie. Während allerdings der Geschichtsroman stark von der Phantasie, mitbestimmt wird, ist der Spielraum für die Subjektivität in der Lebensbeschreibung bedeutend begrenzter. Um das Ergebnis derGleichung: möglichen Irrtum und Subjektivität nicht allzu schwarz erscheinen zu lassen, wertet man am besten beide als eigene Gattung, deren geistiges Gewicht zu gleichen Teilen auf die Wagschalen von Unterhaltung und Wissen fällt.

Von dieser Warte aus verdienen sechs Neuerscheinungen teils Beachtung, teils Schonung.

"Donna Juana" von Michael Prawdin (Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf)

ist ein überraschendes Lebensbild Johannas von Kastilien, im Volksmunde "Juana la loca, loca de amor" genannt, durch übergroße Liebe zum Wahnsinn getrieben. Die Geschichtswissenschaft schloß sich bisher dieser Meinung, an. Nun gab ihr zwar ihr spanisches Temperament maßlose Hingabe an ihren Gatten, Philipp den Schönen von Habsburg, ein, aber Prawdin zeigt durch eine Kette von Beweisen, daß sie in vielen Situationen nicht nur normal, sondern sogar politisch klug war. Ihre fast fünfzigjährige Gefangenschaft bedeutet echte Tragik. Auf sie "entlud sich alle Wucht des Schicksals, als ob dieses Einzelleben dazu bestimmt gewesen wäre, die Schimäre der Größe für ihr ganzes Geschlecht im voraus zu bezahlen". Hier wird einem erregenden Stoff die nüchterne, im Anfang fast trockene Sprache weitaus gerechter als jede phantasievolle Schnörkelei, da sie den Blick freigibt für Tatsachen und zugleich der Vorstellung kein Korsett anpaßt. Für den Historiker ist überdies bemerkenswert der Gegensatz zu Brandi, Bergenroth und Pfandl, die Johanna als Lebensmüde, Häretikerin und Schizophrenikerin bezeichneten.

Von sehr ergiebigen Quellen gespeist ist auch:

"Krone der Frauen" von Amy Kelly (Paul List Verlag, München, Übersetzung von Anette Mertens).

Ein mit Bienenfleiß und wissenschaftlicher Sorgfalt zusammengetragenes Dickicht aus Details über das 12. Jahrhundert in Frankreich, England und Jerusalem, mit dem reizvollen Mittelpunkt der Eleonore von Aquitanien, Gattin des Kapetingers Ludwig VII., später verheiratet mit Heinrich II. Plantagenet, König von England. Ein Werk ohne jede unterhaltsame Auflockerung des Stils (die so oft zu bedenkenlosem Freilauf der Erfindungsgabe verführt), dagegen gründlich und präzis in Dingen der Geschichte, ein großangelegter Versuch, über die "von Burg zu Burg-Politik" hinaus auch noch das geistige Antlitz eines Jahrhunderts nachzuformen. Da sich die Verfasserin jedoch auf keine Popularisierungstendenzen einlassen konnte, mag die Lektüre für den Laien anstrengend sein. Der Historiker kann schon nach wenigen Kapiteln schmunzelnd feststellen, daß Amy Kellys Sprache hie und da in den Rhythmus der Chansons Salisburys oder Maps verfällt, obwohl der Unterschied im Charakter der Ausdrucksarten deutlich spürbar bleibt.