In der Bankenwelt bestand schon immer Obereinstimmung darüber, daß sie nur einen temperierten Wettbewerb verträgt. Wird die Konkurrenz zu scharf, so daß es darüber zu Zusammenbrüchen kommt, dann verlieren nämlich nicht nur die Einleger des betroffenen Instituts Geld, sondern alle Banken der gleichen Gruppe auch das Vertrauen des Publikums. Man scheut sich deshalb bei den Banken, die Dinge auf die Spitze zu treiben, und man hat daher stets nach Gelegenheiten gesucht, sich gegenseitig auszusprechen und Abreden zu treffen. Als in der Hochzeit des amerikanischen Besatzungsrechtes alles verpönt war, was nur von ferne an Kartelle erinnerte, ergriff man dankbar den Strohhalm, den das Habenzinsen-Abkommen bot.

Allerdings hat sich in letzter Zeit niemand mehr (in der Jagd um den großen Geldgeber, den nun einmal eine Bank haben muß, wenn sie ein großes Geschäft aufbauen will) an dieses Habenzinsen-Abkommen gehalten. Es wurden graue Sätze bezahlt. Das ging so lange gut, wie die Zinsspanne es erlaubte. Seitdem diese aber kleiner geworden ist, schneiden sich die Banken mit der Gewährung von grauen Habenzinsen in das eigene Fleisch. Man möchte ganz allgemein von ihnen nichts mehr wissen. Trotzdem muß man sie gewähren, da man sie einmal der Großkundschaft zugestanden hat. Dem einzelnen Institut ist es heute kaum noch möglich, auf die normalen Sätze zurückzugehen, weil sich, immer wieder eine andere Bank findet, die bereit ist, die geforderten hohen Sätze zu zahlen. Sachverständige sind der Auffassung, daß heute mehr als die Hälfte aller Termineinlagen mit höheren Sätzen als die, die das Habenzinsen-Abkommen vorschreibt, verzinst werden.

Alle bisherigen Appelle zur Disziplin haben in dieser Situation nicht geholfen. Hieraus müssen die notwendigen Konsequenzen gezogen werden. Unter früheren Verhältnissen würde man sicherlich bestrebt sein, ein straff gelenktes Kartell zu schaffen. Das aber widerspricht der heutigen Rechtsordnung und zu einem guten Teil auch unserer augenblicklichen Wirtschaftsauffassung. Es bleibt möglicherweise nur die Wahl, ob man zu einem völlig freien Wettbewerb oder zu einer strengeren administrativen Regelung durch die Bankenaufsichtsbehörde übergehen soll. Beide Möglichkeiten haben ihre Tücken. Gegen eine strenge administrative Festsetzung der Zinssätze spricht all das, was sich gegen eine Planwirtschaft sagen läßt. Gegen eine vollkommen freie Regelung wird eingewendet, daß das ganze Bankensystem noch nicht genügend gefestigt ist, zumal die haftenden Mittel nicht so ausreichend gestaltet sind, daß man das gesamte Gewerbe einem scharfen Wettbewerb unterwerfen könnte. Der "Bundesverband des Privaten Bankgewerbes" sucht deshalb nach einem Mittelweg und hofft, ihn auch bereits gefunden zu haben. Er will jeden, der gegen das Habenzinsen-Abkommen verstößt, vor ein Ehrengericht zitieren, da eine Gewährung von grauen Habenzinsen als nicht mit der Standesehre vertretbar angesehen wird. Ob auf diese Weise weiterzukommen ist, muß man freilich erst abwarten.

Der Zentralbankrat hat sich gegen eine Freigabe der Zinsen ausgesprochen, allerdings nicht aus bankpolitischen Erwägungen, sondern aus Gründen des Geld- und Kapitalmarktes. Das Sollzinsenabkommen gibt der Notenbank allein die Gewähr dafür, daß eine Diskontänderung nicht im Bankenapparat stecken bleibt, sondern auch bis in die Wirtschaft durchschlägt. Durch dieses Zinsabkommen allein sind die für Bankkredite berechneten Zinsen mit dem Diskontsatz gekuppelt. Für den Augenblick glaubt die Notenbank auf dieses Instrument noch nicht verzichten zu können. Rlb.