Von Ilse Molzahn

Hat das von Tempelhof startende Flugzeug das Rollfeld überquert, verebbt bald darauf der donnernde Krach; es beginnt das sanfte Schweben. Noch einmal lenkt man den Blick nach unten. Man sieht den zehnten Bezirk von den zwanzig Bezirken, die Berlin ausmachen: Zehlendorf.

Im März dieses Jahres, als der einhunderttausendste Einwohner registriert wurde, offiziell zur Großstadt erklärt (Wannsee, Nikolassee und Dahlem gehören dazu), ist dieser Bezirk doch der typische Villenort geblieben: mit gepflegten Parks, Gärten, Einfamilienhäusern, bewohnt von ruhigen Leuten, höheren Beamten, ehemaligen Militärs und ausgedienten Exzellenzen. Ein Stadtteil also, dessen Leben vor allem auf friedlich-besinnliche Aspekte gerichtet ist. Aber das Schicksal hat ihm die Aufgabe zugeteilt, sich in besonderem Maße mit allem Gegenteiligen dieser Lebensauffassung auseinanderzusetzen. Denn Zehlendorf liegt hart an der Zonengrenze, ja, greift in die sowjetische Zone mit einem Zipfel hinein.

Der Spaziergänger muß sich im Südteil sehr gut auskennen, um nicht plötzlich ins Niemandsland zu geraten. Selbst der weißschimmernde Gebäudekomplex von Telefunken liegt schon nahe dem Brennpunkt; und noch näher liegt die Teltow-Werft, deren Schornstein schon von weitem sichtbar ist. Und der Zehlendorfer wendet betrübt seine Schritte. Das nahe Kleinmachnow, das Zehlendorf seit eh und je geschwisterlich verbunden war, liegt in einem anderen Lande. Drüben ist der See, die alte, wunderschöne Dorfkirche, das halbzerfallene Schloß der von Hakes, daneben die Wassermühle, wo immer noch das Wasser über das hölzerne Wehr rauscht. Und jenseits des Sees liegt die Hakeburg, heute als "Karl-Marx-Schule" die größte Parteischule der "DDR".

Wenn der Zehlendorfer wandern könnte, wie er wandern möchte, so käme er auch zum Machnower Busch, zu den kleinen schilfumstandenen Tümpeln, birkenumsäumten Luchs, die dem weitverzweigten "Rebellennest" den charakteristischen Akzent geben, bis hin zum Bahnhof Düppel, von wo in früheren Zeiten der Spaziergänger in zwei und einer halben Minute wieder zu Hause anlangte, beladen mit Blumen und Früchten aus den Gärten Kleinmachnows, erholt und erfrischt durch die märkische Landschaft jenseits des Bahndamms, und wo heute bei Dreilinden der bekannte Kontrollpunkt für den Autobahnverkehr zwischen Ost und West liegt.

Aber der Zehlendorfer kann nicht mehr über die Grenze gehen, wie es anfangs noch möglich war, als die Zügel gelockert und in Kleinmachnow um die Eingemeindung heftig gekämpft wurde. Postalisch mit Zehlendorf verbunden, hatte Kleinmachnow, zum Landkreis Teltow gehörig, aus steuerlichen Gründen zunächst darauf verzichtet, sich Berlin einzugliedern, und so kam denn der Pfingstsonnabend 1952, wo die Pflastersteine der Zugangsstraßen umherflogen, die Erde an der Zehlendorfer Grenze zu Gräben ausgehoben wurde, gefällte Bäume die Kleinmachnower Straße abriegelten und ein verstärktes Aufgebot von Vopos und Russen hinderte, daß Freund zu Freund kam, Familie zu Familie. Seither heißt Kleinmachnow das "Rebellennest".

Zu Pfingsten standen sie denn beklommen drüben und erwarteten die Zehlendorfer Gäste. Aber die durften sich nicht mehr an den gedeckten Kaffeetisch in Kleinmachnow setzen. Was tat’s? Die Kleinmachnower, die damals noch die Grenze überschreiten durften, kamen herüber. Am Bahndamm hingelagert, auf der Wiese, im Düppeler Forst unter Baumschatten nahe der Spree, breiteten sie auf der mageren Grasnarbe den mitgebrachten Kuchen aus, zu dem die Zehlendorfer den Kaffee stifteten. Die östliche Hälfte versprach der westlichen, auf das Obst und Gemüse der im östlichen Teil gelegenen restlichen Gärten zu achten, davon mitzubringen. so viel man nur mitnehmen durfte, während die Zehlendorfer jene Dinge als Ausgleich versprachen, die man drüben nur vom Hörensagen kannte. Als Treffpunkt war Bahnhof Düppel ausgemacht oder das Zehlendorfer Schützenhaus an der Machnower Straße. Beide Punkte, unmittelbar an der Grenze, erhielten so für einige Zeit so etwas wie historische Bedeutung.