Er ist am Ende so schmutzig, daß er sich waschen muß, nicht aus Trieb zur Reinlichkeit, sondern nur, weil er sonst in keinem Kreise mehr geduldet würde. Ich komme ihm vielleicht als ein reines Handtuch gelegen." Dieses vernichtende Urteil stammt von Friedrich Hebbel und ist auf Karl Gutzkow gemünzt, jenen Schriftsteller, gegen den der deutsche Bund von 37 Fürsten und freien Städten aufgeboten wurde und der wegen Gotteslästerung, Verächtlichmachung des christlichen Glaubens und "Darstellung unzüchtiger Gegenstände" zehn Wochen im Mannheimer Gefängnis absitzen mußte.

Gutzkow war kein Dichter. Das wußten schon seine Zeitgenossen. "Es geht ihm in den Dramen wie im Roman. Die Ideen sind allerdings gewichtig, aber das poetische Talent ist ihnen nicht gewachsen, und so ist es, als ob Kornsäcke auf der Kaffeemühle durchgemahlen werden sollten", so steht es bei Hebbel in den "Tagebüchern", und wir denken heute über das Werk Gutzkows nicht viel anders. Aber über dem blassen, kraftlosen Dichter vergessen wir den brillanten, schlagfertigen Polemiker. Gutzkow ist zeitlebens Journalist geblieben und besaß eine spezifische Neigung zur Polemik, zum bissigen Angriff gegen die Übelstände und Auswüchse seiner Zeit.

Schon als junger Mann war Gutzkow das enfant terrible der Familie gewesen. Man hatte nicht viel Sinn für seine literarischen Ambitionen. Er galt als streitsüchtiger Hitzkopf. Was ihm nicht paßte, wurde ohne Erbarmen angeprangert, selbst, wenn eine Freundschaft dabei zerbrach, wie etwa sein Bund mit Wolf gang Menzel. Mit Börne und Heine hatte er sich völlig überworfen, und mit Hebbel ging es ihm nicht besser. Aber auch, wenn es galt, sich für etwas einzusetzen, tat er es rückhaltlos. So erschien durch seine Initiative, zum erstenmal Georg Büchners "Dantons Tod" in der Frühlingszeitung "Phönix", und 1835 schrieb er sein polemisches Meisterstück, die Vorrede zu Schleiermachers "Vertrauten Briefen über Friedrich Schlegels Lucinde", ein prasselndes Feuerwerk von Hohn und Spott gegen das Philistertum, "gegen die Herren, welche sich jetzt an der Pensions- und Ordenssonne wärmen", gegen "das moralische Gesäusel gewandt unterdrückter Leidenschaften" und gegen "die loyale Politur gesellschaftlicher Bequemlichkeit und Selbstgenughabens".

Zieht man die Zeitgebundenheit von dieser Polemik ab, so ist man verblüfft über die Modernität des glänzenden Pasquills. Gewiß, oft ist der Zynismus nicht ganz frei von "Berliner Schnauze" und vom "Dreck der Straße", aber finden wir das bei Tucholsky nicht auch? Hier trifft jedes Wort ins Schwarze, und eine leidenschaftlichere Verteidigung gegen den scheinmoralischen und prüden Spießer hätten sich Schleiermacher und Schlegel nicht wünschen können.

So schreibt Gutzkow, im Gedenken an den gerade Verstorbenen: "Diese Erscheinung- (Schleiermacher) hatte so viel Imponierendes, daß man es darauf ankommen ließ, lieber einst mit Schleiermacher in der Hölle, als mit Marheineke im Himmel zu sein." Dann, sich an das Begräbnis erinnernd: "Ich sehe auch einige glattgescheitelte Männer am Grabe es sind ihrer wenige, denn Schleiermacher hatte Unglück mit seinen Schülern. Sie versprachen anfangs alles und leisteten später nichts, oder wenn sie auch durch die Prüfung kamen, so mangelte ihnen wieder das Organ. O Gott, von welchen Kleinigkeiten hängst du ab!... Die Echos der Kirchenschiffe sprechen in Provinzialismen... und werden durchsägt von ängstlichen Gestikulationen, welche den stockenden Redefluß weiterrudern sollen ... Zur Leiche traten alle heran, die, als er noch lebte, seinem Leben und Geiste gegenüber schon Leichen gewesen waren... er war es, der ihnen Ehre gemacht und ihre schwachen Geistes-, kräfte wenigstens dadurch entschuldigt hatte, daß er über denselben Gegenstand predigte wie sie."

Von Satz zu Satz wird sein Spott massiver, er redet sich heiß und kennt kein Pardon mehr. "Mit dem behaglichsten Gefühl werf’ ich diese Rakete in die erstickende Luft der protestantischen Theologie und Prüderie", ruft er aus und spricht von "übermütigen und bestechlichen Kastellanen des Himmels" und "Kammerdienern Gottes". Mit beißendem Sarkasmus wendet er sich weiter gegen die Nützlichkeitstendenz der "bürgerlichen" Ehe, gegen "jene Wassersuppenhochzeiten und die ganze Misere ordinärer Kindererzeugung und schimmeligter Broterwerbung". Auch die Snobs bekommen ihr Teil: "Was man heutigentags geistreiches Gespräch nennt, ist in der Tat eine Hansvurstjacke von Redensarten."

Doch Gutzkows Polemik ist nicht nur der Ausdruck eines kritischen Verstandes, sondern zugleich die Abwehrreaktion eines bitter gewordenen Einsiedlers gegen die Außenwelt, von der er glaubt, sie habe sich gegen ihn verschworen. So schreibt er in seinen "Briefen eines Narren an eine Närrin": "Ahnungstrübe Gedanken engen oft die Straße, die ich wandle. Dann fahr’ ich entsetzt wie vor Gespenstern zurück. Und über Schwäger und Vettern, die mich nur im duldenden Blödsinn zu sehen gewohnt sind, kommt ein Schauder und Schrecken, daß sie das starre Weiß in meinen Augen nicht ertragen können. Wie sehn’ ich mich nach der Stunde der Erlösung!"

Die Spuren einer krankhaften Reizbarkeit treten schon in den dreißiger Jahren bei ihm hervor und bilden sich im Laufe der Zeit zu einer Art Verfolgungswahn aus, der schließlich zu geistigen Störungen führt. Gutzkow wird rücksichtslos, bitter und boshaft, wenn er sich mit Neid und Haß betrachtet glaubt, und die Augenblicke unbefangener Hingabe werden bei ihm immer seltener. Auf seinen ruhelosen Reisen, auf seiner Flucht vor dem Dämon, unternimmt er im Januar 1865 einen Selbstmordversuch und verbringt darauf fast ein Jahr in einer Heilanstalt. Aber die Krankheit frißt in ihm weiter. In Sachsenhausen bei Frankfurt, mitten im Abschluß der Umänderung seines ungefügen Romans "Hohenschwangau", erstickte er am 16. Dezember 1878 bei einem Zimmerbrand, den er in halber Bewußtlosigkeit selbst verursacht hatte. Henning Harmsssen