Von Paul Hühnerfeld

Daß manche Literaturhistoriker das Wort "Klassisch" nur für eine bestimmte Blüteperiode der deutschen Dichtung zugelassen haben, ist bedenklich. "Klassisch" sind für den Literaturwissenschaftler genau genommen nur jene Werke, die der in des Lebens Stürmen gereifte Goethe nach seiner Italienfahrt zum Verdruß der Frau von Stein schrieb, der der temperamentvolle junge Mann lieber war, weshalb sie denn auch Egmonts Klärchen eine "Dirne" und Iphigenie "langweilig" nannte: Werke, in denen der reife Goethe sowohl den ungebrochenen "Sturm und Drang" des "Götz" wie auch die gebrochene Empfindsamkeit des "Werther" abgelegt hatte und in antikisch großem Gleichmut Form und Inhalt seiner neuen Werke – eben der "klassischen"– bestimmte. Der junge Schiller beeilte sich nun auch, ein "Klassiker" zu werden und vermied in der "Jungfrau von Orleans" füglich so grobe Temperamentsausbrüche wie die des alten Miller am Ausgang der ersten Szene von "Kabale und Liebe": "Ich werde sprechen zu seiner Exzellenz: ... meine Tochter ist zu schlecht zu dero Herrn Sohnes Frau, aber zu dero Herrn Sohnes Hure ist meine Tochter zu kostbar und damit basta!..."

Das eben war nicht "klassisch"! Und Kleist, der sein Lebtag von solchen Temperamentsausbrüchen nicht frei blieb, wurde freilich ein größerer Dramatiker als Goethe und Schiller, aber beileibe in den Augen der Zeit kein "Klassiker".

Man sieht: mit solch enger literarischer Abgrenzung des Wortes "Klassik" kommt man nicht weit. Besser ist, alle Leistungen der Literatur als "klassisch" zu bezeichnen, die in Form und Inhalt zu jener höchsten, fragilen Spitze der Dichtkunst forgedrungen sind und somit ihr Thema, den ungeformten "Stoff" bewältigt und in gewisser Weise "erledigt" haben. Wer dasselbe Thema noch einfiel aufgreift, kann es anders – unmöglich aber besser machen.

Begreift man das Wort "klassisch" in diesem Sinn, so verliert es von selbst jeden Oberlehrerstaub, der sich in Zeitaltern des Jugendstils, des Nippes, der falschen Saturiertheit darauf gelegt hatte und die großen Meister der Dichtung als "unser Goethe" oder "unser Schiller" in die fade Alltäglichkeit des Durchschnitts herabzog. Entsprechend waren die "Klassikerausgaben" Jener Jahre mit einer belehrend-erhebenden Einleitung ausstattet; die äußere Aufmachung ging oftmals vom Würdigen in das Kitschig-Dekorative mit Goldschnitt und allegorischen Figuren über; so standen sie denn als Prachtausgaben im Bücherschrank: viel bewundert und wenig gelesen.

Krieg, Bomben und Flucht haben mit diesen "gesammelten" Werken gehörig aufgeräumt. Nach den ersten Anthologien auf holzigem Nachkriegspapier, wertvoll zur Aufrechterhaltung schon verloren geglaubter Kontinuität, machten verantwortungsbewußte Verlage die ersten tastenden Versuche wirklicher "Neu"-ausgaben. War Goethe überhaupt noch gefragt? Oder Kleist? Oder Balzac? Oder Dostojewskij? Die ersten Neudrucke verkauften sich überraschend schnell. Da begannen die Verlage systematisch mit der Neuedierung der großen Dichter, und siehe da: das war nicht nur eine schöne, sondern in den meisten Fällen auch recht lukrative Arbeit. Denn die großen Dichter sind wieder gefragt. Schon die äußere Form moderner Dichter-Ausgaben wirft Probleme auf. Die meisten Leser sind heute gar nicht in der Lage, eine 40bändige Goethe-Ausgabe aufzustellen; solche Ausgabe war der Sechszimmerwohnung als kleinste Heimat angemessen; infolgedessen helfen sich viele Verlage mit einer sogenannten "Auswahl". Natürlich ist eine Auswahl nie so gut wie das Gesamtwerk; doch da der "Klassiker" den meisten Lesern ja zu Lese- und nicht zu philologischen Zwecken dienen soll, ist gegen eine so reichhaltige Auswahl wie die der Goethe-Jubiläumsausgabe des Knaur Verlages (Droemersche Verlagsanstalt, München), herausgegeben von Richard Friedenthal (Auswahl der Gedichte unter Mitwirkung von Georg von der Vring) nichts einzuwenden. Diese Ausgabe, die gleichzeitig auch noch das zweite Mittel der äußeren Umfangsverkleinerung – den Dünndruck – benutzt, enthält wirklich alles Wesentliche und spart nur aus, was auch der aufmerksame Leser während der Lektüre selbst auslassen würde. So sind zwei mitteldicke Bände an Stelle der vierzig getreten.

Ein gleiches Kompliment kann man Joseph Gregor machen, der im Bertelsmann Verlag (Gütersloh) eine fünfbändige Hauptmann-Ausgabe auswählt, von der nun die ersten drei Bände in blauem Ganzleinen (je 16,– DM) vorliegen. Gerade bei Hauptmann, der noch mitten in die Gegenwart hineinreicht, ist die Auswahl besonders schwer: das gilt doppelt für den noch zu erwartenden vierten und fünften Band, der die Prosaschriften enthalten soll, während die ersten drei das unbestritten große dramatische Werk repräsentieren.