E. M. Ciorans, eines rumänischen Priestersohnes, Gott und die Welt lästernde Lehre vom Zerfall (Rowohlt, Hamburg) gehört zu den wenigen erbaulichen Lektüren unserer Super – Zukunfts-Gegenwart, wo man, um an ihr nicht irre zu werden, die Wahl hat, sich psychoanalysieren, in Überschallgeschwindigkeit atomisieren zu lassen – oder gänzlich zu verameisen. Bedroht von den physikalischen, chemischen Bescherungen einer permanenten Weihnacht – mit garantiert unzerbrechlichen Zerstörungsspielzeugen; optischen Zauberartikeln, die uns über die Aussichtslosigkeit hinwegzutäuschen suchen; mit Propagandamärchen, die aller Phantasie ein Greuel sind – Liebesgaben für eine herangezüchtete Roboterjugend –, könnte man dem frommen Wunsch des Autors zustimmen: "Man schenke mir ein neues Universum – oder ich verende!"

Anders als die "tausend und aber tausend Erlösergestalten – possenreißerische Erlöser, ungetröstet auch sie ...", bietet uns dieser "Skeptiker, Müßiggänger, Ästhet" nichts an; keinen Trost; keine Lösung; weder eine existentialistische noch eine sozialistische.

"Ich brauche nur zu hören, wie jemand mit Überzeugung von Idealen, Zukunft, Philosophie spricht, wie er voller Selbstbewußtsein ‚wir‘ sagt und sich auf die ‚andern‘ beruft, für deren Wortführer er sich hält – um ihn als meinen Feind anzusehen."

"Der Lügengeist, der Fürst der Finsternis, der Verdammte, der böse Feind – wie wohl wird mir, wenn ich mir die Namen ins Gedächtnis zurückrufe, die seine Einsamkeit zuschanden machen. Und wie liebe ich ihn, seitdem er Tag für Tag verstoßen wird! Könnte ich ihn doch wieder einsetzen in sein ursprüngliches Amt. Mit meiner ganzen Glaubensunfähigkeit glaube ich an ihn! Seine Gesellschaft ist mir unentbehrlich."

Diese Liebeserklärung an den Teufel entbehrt nicht der Pikanterie. Sein Abgott hat nämlich eine gottverfluchte Ähnlichkeit mit dem leibhaftigen Luzifer der "fin de siécle": dem Teufel Bitru von Huysmans – und der damals mondänen "Schwarzen Messen" auf dem Pariser Montmartre; mit Yaldabaoth, dem Anarchistenführer der "Engelsrevolte" von Anatole France.

Im faulen Frieden, in einer Welt, in der man sich langweilt, wuchern Geist, Kultur, Phantasie üppiger als in welthistorisch umwälzenden Epochen. Die Männer der Tat, die Geschichte machen müssen, die Ruinenarchitekten mißtrauen der Tätigkeit der dekadenten Künste, weil sie ziellos, unfaßbar, also unkontrollierbar ist. Doch "die Menschheit hat stets nur diejenigen angebetet, die sie ins Verderben stürzten. Regierungszeiten, in deren Verlauf die Untertanen eines friedlichen Todes starben, werden von der Geschichte ebensowenig erwähnt wie die zu allen Zeiten von ihren Untertanen verachteten weisen Regierungen". Als einzige Ausflucht, predigt Cioran in seiner Lehre des Verfalls, den heiligen Müßiggang – als einzige Ausdrucksmöglichkeit dem Menschen: "eine Sprache, die nur seinem Schweigen gilt, und Akkorde, nur seinem Kummer vernehmbar. Statt dessen ist der Mensch der Schwätzer im All." Und, könnte man hinzufügen, ein Lautsprecher im Nichts, der, Tag und Nacht in Betrieb, seine Lebensangst in die Welt brüllt; der den Höllenlärm von Millionen Ja-Stimmen, von aber Millionen Opfern braucht, weil er die Stille des Mit-sich-Alleinseins nicht mehr erträgt. "Misere des Ausdrucks, die sich in der Dürftigkeit der Worte, in ihrem Erschöpftsein bekundet." Gegen diesen Leerlauf protestiert Cioran als ein unermüdlicher Einzelgänger. Ein Aphoristiker, ein gehetzter Müßiggänger: zuweilen, in verlorenen Augenblicken tiefster Melancholie, erreicht er Lautréamonts.

Ciorans "Lehre vom Verfall" ist eine einzige Apologie des Selbstmordes – in allen Variationen ("geht der Akt des Selbstmordes nicht etwa von einem radikalen Heilsbegriff aus?"). Aber statt ihn selber zu begehen, schrieb er ein den Himmel und die Erde provozierendes Buch. Hoffen wir, daß er das fortsetzt – an Rohstoff wird es einem Mephisto wie einem Faust nicht mangeln; denn "alles, was besteht, ist wert, daß er zugrunde geht". Hoffen wir, daß er nicht resigniert; sich nicht einem unheilbaren optimistischen Zukunftsrausch ergibt – wie so viele, die auf dem "Trunkenen Schiff" von Arthur Rimbaud zu den Urwäldern der Barbarei steuerten und als subalterne Parteipropagandaschreiber nun in einem totalitären Kollektivbetrieb ihr Leben fristen. Walter Mehring