Paris, Anfang Januar

Jean Vilars und seines "Théâtre National Populaire" größter Wurf in dieser Spielzeit ist Molières "Don Juan". Diese seit Jahrhunderten umstrittene und darum höchst selten gespielte "Komödie" dürfte nach Vilars Interpretation künftig aus dem klassischen Bestand des Theaters nicht mehr wegzudenken sein. In einer Epoche literarischer Anarchie erleben wir die Offenbarung eines heute noch aktuellen Zeitstückes aus dem siebzehnten Jahrhundert mit einer zentralen Figur, einer äußerst spannenden und dazwischen immer wieder lustig aufgelockerten Handlung um die Mystik des Bösen. Eine Komödie von seltener Kühnheit, voll elementarer Kraft, die zur Tragödie menschlicher Überheblichkeit und Heuchelei wird.

Noch unter der deutschen Besatzung, schon vor zehn Jahren, hatte Vilar sich auf einer kleinen Pariser Avantgardebühne, dem "Théâtre de la Bruyère" am "Don Juan" versucht. Dann kam vor sechs Jahren Louis Jouvet und wagte in einer vieldiskutierten Inszenierung seines "Théâtre de l’Athènèe" das Experiment, einen zynisch frivolen Gotteslästerer und Verführer mit Raubvogelgesicht auf die Bühne zu stellen, sanft gemildert durch einen raffiniert gepflegten Bühnenrahmen und prunkhafte Kostüme Christian Berards. Die "Comédie Frangatse" konnte nicht im Schatten stehen. Sie "berichtigte" im vorigen Jahr die gegen die "Traditionen" verstoßenden Eigenmächtigkeiten Jouvets in einer nicht minder gepflegten Inszenierung.

In völligem Gegensatz dazu spielt Vilar jetzt im weiträumigen "Palais de Chaillot einen sympathischen, jungen, elegant-liebenswürdigen und verführerischen, bald zwischen kalter Ironie und grübelnder Skepsis schwankenden, bald fieberhaft eigensinnigen, bald blasiert müden Spieler des Lebens, einen Don Juan, der durch ungezügelte Eitelkeit sein tragisches Schicksal erfüllen muß. Aus seinem unreifen Egoismus entwickelt sich tragische Schuld. Die so gefürchteten Gotteslästerungen kennen uns nicht provozieren noch verletzen. Atheismus ist hier nicht mehr Ursache, sondern Folge moralischer Haltlosigkeit.

Der Diener Sganarelle – mit drolliger Komik in der historischen Sganarelle-Maske Molières gespielt von Daniel Serano – kann mit seinen theologisch verbrämten Alltagsphrasen das Unheil nicht aufhalten. Dieser Diener spricht uns direkt an. Er ruft uns auf zu Zeugen. Dieses Spiel ins und mit dem Publikum hat Geist und Herz. Selbst das Bauernterzett, sonst beinahe eine fade Operetteneinlage, atmete ursprüngliche Frische und natürliche Heiterkeit. Das Ensemble zeigte eine bewundernswerte Einheitlichkeit.

Vilar baute sich eine "ortlose" Bühne, einen um ein paar unscheinbare Stufen erhöhten, großen, viereckigen Spielfleck. Nur unbedingt notwendige Requisiten. Und – schwarze Vorhänge. Strahlende Lichtkegel zaubern einen öffentlichen Platz, eine Straße, aus den Stoff alten einen unheimlichen Wald, einen dämmerigen Strand, einen von ragenden Säulen getragenen feudalen Salon, eine mystische Grabesgruft. Sie lassen die Farben der Kostüme aufleuchten und bringen die kleinste Geste zur Wirkung. Sie schaffen für die Vielzahl von Schauplätzen dramatisch wirksame Übergänge Unterstützt von einer melodielosen Musik vor Maurice Jarre. Es herrscht die Souveränität des gesprochenen Wortes. Wie improvisiert klingt diese flüssige Prosa. Keine Nuance verliert sich. In langsamen, präzisen Rhythmen schreitet das Geschehen, unerbittlich.

Es war Molière und Shakespeare in einem. Die Neuentdeckung eines alten Klassikers. Paul Ellmar