Die Abschlüsse der westdeutschen Aktiengesellschaften wurden für 1952 zwar früher als im Vorjahre veröffentlicht, aber trotzdem liegt bei den meisten Gesellschaften eine erhebliche Überschreitung der gesetzlich vorgeschriebenen Veröffentlichungsfrist von 6 Monaten nach Beendigung des Geschäftsjahres vor. So ist das gesamte Jahr 1953 vorübergegangen, ehe man auf Grund der Bilanzveröffentlichungen ein zuverlässiges Bild von der wirtschaftlichen Entwicklung des Bundesgebietes im allgemeinen und der wichtigsten Industriezweige im besonderen erlangte. Das ist recht bedauerlich; denn unverkennbar ist die Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen Aufstieges aus der Preiskonjunktur vorüber. Mit der nunmehr einsetzenden Normalisierung gewinnen die alten wirtschaftlichen Spielregeln wieder eine größere Bedeutung. Da die einzelnen Zweige der Wirtschaft von der Konjunktur sehr verschieden bedacht werden und die Struktur der Industriezweige sehr unterschiedliche Rentabilitätsgrundlagen schafft, stehen an handfesten Zahlen über die Finanzentwicklung und die Ertragsgestaltung der Öffentlichkeit lediglich die Abschlüsse der Aktiengesellschaften zur Verfügung, die also ein wichtiges Konjunkturbarometer darstellen.

Die Bilanzen der westdeutschen Industrie-Aktiengesellschaften zeigen auch für 1952 überwiegend eine weitere Besserung. Diese kommt bereits in den Dividendenausschüttungen zum Ausdruck. Etwa jede dritte Gesellschaft hat eine Dividendenbesserung zu verzeichnen. Andererseits sind aber auch die Dividendenverschlechterungen zahlreicher geworden; hiervon wurde jedoch nur jede 20. Gesellschaft betroffen. Immerhin machen die Abschlüsse für 1952 zum ersten Male mit allem Nachdruck darauf aufmerksam, daß selbst konjunkturbegünstigte Industriezweige sehr schnell in die Verlustzone absinken können. Der Aktionär ist wieder Risikoträger geworden. Hierauf sollte man nicht zuletzt auch den Bundesfinanzminister aufmerksam machen, der auf Grund der Abschlüsse für 1952 seine Auffassung von dem "arbeitslosen Einkommen" revidieren müßte. Die Rückläufigkeit des Ertrages dürfte wesentlich stärker sein als diejenige der Dividenden, weil in nicht wenigen Fällen die Ausschüttungen auf Grund der in früheren Jahren geschaffenen Polster aufrechterhalten oder sogar verbessert wurden.

Die allgemeine Entwicklung der Vermögensrechnungen ist dadurch gekennzeichnet, daß die Ansprüche an die Finanzen überwiegend geringer geworden sind, sofern nicht besondere Verhältnisse vorliegen, wie etwa in einigen Wirtschaftszweigen mit stark aufsteigendem Trend und lebhaften Saisonschwankungen, wie dies etwa in der Kraftfahrzeugindustrie der Fall gewesen ist. Wo das Jahr 1952 bereits Preisherabsetzungen für Rohstoffe gebracht hat, da sind teilweise schon sehr spürbare finanzielle Entlastungen durch die Verringerung der Vorratswerte zu verzeichnen. Tritt zu diesem Preisrückgang noch ein Abbau der Ende 1951 angestauten Vorräte hinzu, dann sind bereits kräftige finanzielle Entlastungen zu verzeichnen. Die Textilindustrie ist hierfür ein sehr gutes Beispiel.

Überwiegend stellen allerdings die Abnehmer höhere Kreditforderungen, und so erscheinen die Forderungen aus Warenlieferungen und Leistungen im allgemeinen höher als im Vorjahre. Je größer die Absatzschwierigkeiten waren, um so großzügiger mußte man in der Kreditgewährung sein. Diese Unterschiede sind nicht nur zwischen den einzelnen Industriezweigen festzustellen, sondern sie treten noch bemerkenswerter innerhalb der Industriezweige bei einem Vergleich der verschiedenen Firmen hervor. Es ist deshalb schon recht interessant, die Vorräte und Warenforderungen näher zu betrachten.

Der weitgehend festzustellende Abbau der Vorräte hat aber kaum zu einer Anreicherung der Bankguthaben geführt. Hohe flüssige Mittel sind immer noch eine Seltenheit und beschränken sich im allgemeinen auf die kapitalkräftigsten Gesellschaften fast aller Wirtschaftszweige. Soweit die Ertragsverhältnisse weniger günstig waren, mußte sogar in beachtlichem Umfange auf die Bankguthaben zurückgegriffen werden. Die flüssig gewordenen Mittel wurden zum sehr erheblichen Teile auch verwendet, um nachträglich aus der guten Konjunktur der Vorjahre die Steuerschulden zu bezahlen.

Daß die Zeiten der leichten Konjunktur vorüber sind, merkt man besonders deutlich an den Veränderungen auf der Passivseite. Die Eigenkapitalbildung durch Schaffung offener Rücklagen sind vorbei, und um die stillen Rücklagen dürfte es noch erheblich schlechter bestellt sein. Im Gegenteil läßt sich in manchem Industriezweig (vor allem bei Textil) schon ein kräftiges Schrumpfen der offenen Rücklagen feststellen. Noch deutlicher tritt der Umschwung bei den gebundenen Rückstellungen hervor, die in den letzten Jahren das große Sammelbecken der zunächst zurückgehaltenen Gewinne darstellten. Gerade die mit einem kräftigen Konjunkturrückschlag bedachten Industriezweige zeigen durchweg ein scharfes Absinken der Rückstellungen. In den übrigen Industriezweigen hat sich der Aufbau wesentlich verlangsamt. Damit dürfte die Eigenkapitalbildung der Industrie insgesamt erschwert worden sein und vor allen Dingen ihre frühere Einheitlichkeit verloren haben.

Andererseits zeigen die Verpflichtungen zum Teil schon recht spürbare Entlastungen. Es gibt viele Gesellschaften und sogar ganze Industriezweige, bei denen die Verpflichtungen bis zu 20 bis 30 v. H. abgebaut werden konnten. Soweit die Industrie allerdings noch jetzt ihre Absatzmärkte ausbauen muß, zeigt sich dies auch in einer weiteren Zunahme der Verpflichtungen, wobei das Ausmaß gegenüber dem Vorjahre aber auch erheblich geringer geworden ist. Vor allen Dingen läßt sich das Bestreben nach einem Abbau der Bankverpflichtungen erkennen, die teilweise auf Wechselkredite umgelegt wurden.