Alles hat seine Vorgeschichte, auch die Vorgeschichte. Bis es gelang, über die frühen Stufen des Menschen so viel zu ermitteln, wie die heutige Wissenschaft der Ur- und Vorgeschichte weiß, mußten abenteuerliche Zufälle, Ahnungen, Irrtümer, Entdeckungen der mannigfachsten Art aufeinanderfolgen – eine Kette, die fast ebenso wunderbar ist wie jene Kette, die zur Entstehung und Ausbildung des Lebewesens Mensch geführt hat. Eine halbe Million Jahre hat die Menschheit existiert, ist gewandert, hat Kulturen entwickelt, Götter verehrt, kurz: Weltgeschichte gemacht, ohne auf den Gedanken zu kommen, daß es möglich sein könnte, etwas Sicheres über die eigene Herkunft in Erfahrung zu bringen. Noch das Jahrhundert der Aufklärung sah in dieser Frage nicht klarer als die Steinzeit, und erst in den letzten hundert Jahren hat die menschliche Erkenntnis jene Rückschritte gemacht, die an den Ursprung heranführten.

Vielleicht ist diese Suche nach den Anfängen des Menschengeschlechts die erstaunlichste Revolution des Denkens, und man wird dem oft verachteten neunzehnten Jahrhundert zugute halten müssen, daß es außer den Maschinen, den blutigen sozialen Utopien und dem Erlahmen der religiösen Kraft doch auch die Öffnung des Blickes auf unser aller Abstammung gebracht hat. Auch dies ist eine Tat des abendländischen Denkens gewesen, weil nur im Abendland der Impuls zur Erforschung alles Wißbaren so radikal freigelegt worden ist, daß schließlich – gewiß nicht ohne heftigen Streit – das wissenschaftliche Verfahren auch jene mit rein logischem Zwang zum Umdenken nötigte, denen der Abschied von überlieferten Vorstellungen nicht leicht wurde. Die Wandlung geschah rapide: 1853 fand Schopenhauer bei keinem Wissenschaftler Zustimmung, als er schrieb, die ersten Menschen müßten nichtmenschliche Eltern gehabt haben. 1953 gibt es. keinen Wissenschaftler mehr, der noch die Abstammung des Menschen von nichtmenschlichen Vorfahren in Zweifel zieht.

Das friedliche Abenteuer dieser Revolution war bisher noch nicht geschildert. Und dabei strotzt es von pittoresken Figuren, glückhaften Funden, skandalösen Zwischenfällen und menschlichen Tragikomödien. Kein Lehrbuch der Urgeschichte könnte so gut an die zuverlässigen Methoden dieser erregenden Wissenschaft heranführen wie die Geschichte ihrer Wagnisse, Niederlagen und Siege, die jetzt Herbert Wendt geschrieben hat ("Ich suchte Adam. Roman einer Wissenschaft". G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Hamm i. W., 520 S.). Wendts Buch zeigt jene Kombination wissenschaftlicher Bildung und erzählerischer Eleganz, die das Glück von Büchern, wie Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" und Morus’ "Geschichte der Tiere", gemacht, deren Reihe es ergänzt. Wieder zeigt sich: der Aufstieg der modernen Wissenschaft schließt allemal viele Menschenschicksale ein, und man gibt dem, der Nichtfachmann ist, die besten Hinweise auf wissenschaftliches Denken, wenn man ihn an den persönlichen Erfahrungen und Leiden von Menschen teilnehmen läßt, denen die wissenschaftliche Erkenntnis nicht Routinesache, sondern Sinn ihres Lebens war.

Jener Elberfelder Schullehrer Fuhlrott, der mit seiner Entdeckung des "Neandertalers" keinen Glauben fand, jener holländische Militärarzt Duboil, der auf Java Schädel, Zähne und Oberschenkel des "Affenmenschen" ausgrub, aber in seiner Privatsammlung verwahrte und dreißig Jahre lang niemandem zeigte – die Vorgeschichte der Vorgeschichte wimmelt von Überraschungen, Verkennungen, Halsstarrigkeiten und genialen Blitzen. Und auch das wird aus Herbert Wendts Schilderung deutlich: die rationale Wissenschaft ist zwar eine Schöpfung des Abendlandes, doch ist sie nicht an die Kultur gebunden, die sie hervorbrachte; ihre Denkweise ist allgemeinverbindlich. Schon um 1920 nehmen Nichteuropäer an der Forschung aktiv und bestimmend teil, und einer der entscheidende! Funde zur Vorgeschichte des homo sapiens der zuerst 1929 bei Peking gefundene "Sinanthropus", dem in Europa ausgebildeten chinesischen Paläontologen Weng Chung Pei zu verdanken.

Keine Sorge aber, daß nur von Skeletten die Rede ist! Zum Urmenschen gehört auch die Kultur, und die Periode der Wissenschaft, in der mal meinte, am Anfang der Menschheit habe der Ungeist gestanden, ist seit Auffindung der steinzeitlichen Höhlenmalereien überwunden. In diesem so sehr wesentlichen Punkt hat nachträglich noch der halsstarrige Robert Virchow recht bekommen, der die ganze Abstammungslehre seiner Zeit verwarf, weil sie die Menschen der Vorzeit als halbtierische Barbaren zeichnete. C. E. L.