Auch in den letzten Tagen des vergangenen Jahres gab es an den Börsen einen kleinen Schlußgalopp, von dem in erster Linie in Erwartung günstiger Ergebnisse der Berliner Vierer-Konferenz die sogenannten Ostwerte betroffen wurden, d. h. solche Gesellschaften, deren Vermögen entweder ganz Oder teilweise im sowjetischen Besatzungsgebiet liegt. Ähnliche Ansätze zeigten sich bereits bei früheren Gelegenheiten. Wenn auch die Gewinne dieser "Hoffnungs"-Perioden nicht immer ganz gehalten werden konnten, so hat sich das Niveau der Ostpapiere dennoch stetig nach oben verschoben. Es wäre allerdings gewagt, zu erwarten, daß nach einem erfolglosen Abbruch der kommenden Verhandlungen auch diesmal einige Punkte Gewinn nachbleiben werden. Im Gegenteil die Enttäuschung könnte leicht so groß sein, daß nicht nur die jetzigen Gewinne, sondern darüber hinaus noch einige Punkte mehr verlorengehen werden. Vorläufig hat der Handel, in diesen Papieren noch reinspekulativen Charakter. Immerhin macht man sich bereits Gedanken über die Methoden der Rückeführung der Gesellschaftsbesitzungen und kam dabei zu dem Schluß, daß die Wiedereingliederung sich am einfachsten bei den Versorgungsbetrieben vornehmen ließe, da diese Werke relativ gut erhalten sind. Verlagerungen von maschinellen Einrichtungen sind kaum erfolgt, und auch Neuinstallationen, die nicht ohne weiteres den Alt-Gesellschaften zugute kommen würden, sind nur in Ausnahmefällen gemeldet. Unter diesen Aspekten fanden an den westdeutschen Börsen Dessauer Gas (135–140 v. H.) und Bekula besondere Beachtung. Schering gewann im Zuge, der Osthausse 10 Punkte, bei den IG-Farben zogen die Liquidationsanteilscheine, die die Ansprüche aus Ostbesitz beinhalten, weiter an.

Von den Elektrowerten waren AEG und Siemens gesucht. Hier fielen zweifellos die umfangreichen Vermögenswerte im Osten ebenfalls ins Gewicht, aber entscheidend rot den Kursanstieg mögen Gerüchte gewesen sein, wonach AEG mindestens eine Dividende von 7 v. H. zahlen will (AEG 112–120 v. H.; Siemens St. 132–136 v. H.). In den Ostkomplex hinein spielen ferner die Gewinne bei Dt. Erdöl (111–I18 1/4 H.).

Bei den IG - Farben erreichten die alten Aktien mit 129 v. H. den bisherigen Höchststand nach Ihrer Wiedereinführung. Nachfrage bestand für alle Nachfolgegesellschaften, insbesondere wieder für Casella. Von den sonstigen Hauptwerken kamen vor allem Ilseder Hütte zum Zuge, bei der die seit langem diskutierte weitere Aufstockung des Grundkapitals in ein greifbares Stadium zu rücken scheint (125–139 v. H.). Die übrigen Montanpapiere waren auf leicht erhöhter Basis mit nur relativ geringen Umsätzen am Geschäft beteiligt.

Bei den Großbanken - Nachfolgeinstituten ging die Aufwärtsentwicklung weiter. Zum Jahresschluß Wurde bei allen Gesellschaften ein nahezu einheitlicher Kurs von 128 v. H. erreicht. Da hier eine Dividende von 8 v. H. mit Sicherheit zu erwarten ist, kann dieser Kurs als gerechtfertigt angesehen werden. Bei der Dt. Werft steht vermutlich eine gleich hohe Dividende in Aussicht. Diese Aktien (110 v. H.) sind also als vernachlässigt anzusehen.

Der Rentenmarkt stand zum Jahresschluß mehr denn je im Zeichen steuerlicher Erwägungen. Aus vorhandenen Sparverträgen wurden DM-Pfandbriefe gezeichnet, wobei die Inhaber der Verträge nicht nur in den Genuß höherer Zinsen gelangen, sondern auch noch sechs Monate früher wieder über ihr Geld frei verfügen können als auf dem Sachkonto. Die Hergabe von 7c- und 7d-Geldern war am Jahresultimo gegenüber dem Vorjahr weniger umfangreich, da die in der "Kleinen Steuerreform" verankerten Erschwerungen für viele Betriebe die "Siebener-Paragraphen" reizlos gemacht haben. Außerdem wurden beträchtliche Zeichnungen schön in den ersten Monaten des vergangenen Jahres vorgenommen, um noch in den Genuß der vollen Vergünstigungen zu kommen.

In der Abfindungsproblematik für die Harpener Bonds Ist eine neue Wendung eingetreten. Baron von Oppenheim (nicht identisch mit dem Bankhaus gleichen Namens) will den bereits in der Schwebe befindlichen Prozeß gegen die Verwaltung der Harpener Bergbau unabhängig von der Schutzvereinigung weiterführen, die ihren Mitgliedern die Annahme des von ihr ausgehandelten Umstellungsangebots auf der Basis von 1 : 1,5 empfohlen hat. Ein offizielles Umstellungsangebot ist von der Gesellschaft bisher nicht vorgelegt worden. -ndt