Von Ernst Kreuder

Wenn Sie mich anhören wollen", sagte der alte, bucklige Totengräber, "kann es mein Schaden nicht sein. Nicht einmal mit Auszeichnung unwürdig, wurde ich schon früh die Pechhand genannt. Außerstande, längere Zeit zusammenhängend zu reden. Die Mäuse, die Petersilie, Harz und Sand, das alles ist aus einer Hand. Das Zebra, der Tintenfisch und die Kuh, aus der gleichen Faser wie ich und du. Achtundsechzig Jahre fragte ich mich, wozu?

Unwissend, unwürdig, habe ich stets die alten Ohren gespitzt, wenn von den Machenschaften des Todes die Rede war, hier an den Gräbern. Ist mir aber nicht gelungen, Gelassenheit zu erlangen, Gleichmut wäre eine der ersten Auszeichnungen für einen bald Siebzigjährigen. Man kann ihn noch immer ohne Mühe in Schwankungen bringen, inwendig in Bewegung versetzen. Ein Ofenrohr, eine Gießkanne oder ein Löffelstiel sind mir zu nah, bekümmern mich zuviel. Mir geht es nah, wenn man eine Pfanne verbeult; als kleiner Junge habe ich über einen abgeschlagenen Henkel geheult. Wer mit einer Tüte oder einer Schachtel lieblos verfährt, verdient nicht, daß ihm Barmherzigkeit widerfährt.

Mit solchen gewiß unerheblichen Ansichten ist es mir allmählich gelungen, mich der erhabenen Lächerlichkeit in Ehrfurcht zu nähern. Nur der wahrhaft Lächerliche bleibt für den Tod ein Geschäft, das sich nicht mehr lohnt. Der unaussprechlich Lächerliche wird es in dieser Welt zu nichts bringen, er kann sich nur blamieren. Die Blamage ist seine Einsiedelei, dort kann er schwach bleiben, und man läßt ihn in Frieden. Auch der Tod würde ihn am liebsten in Frieden lassen, er hat nichts von den Lächerlichen und Blamierten, sie sind zu einfältig, um ihn zu fürchten, und zu schwach, um sich zu wehren. Man wird verstehen, daß sich der Tod keine Mühe gibt bei ihnen. Sie schlafen meist irgendwo ein, im Café beim Zeitunglesen, und sie wollten den Geschäftsführer, der den Leichenwagen bestellen muß, gewiß nicht blamieren. Oder sie liegen im Postamt ruhig über dem Pult, und der Federhalter steht auf der Postkarte, so lange, bis es auffällt. Manche findet man auch in einem stillen Treppenhaus am Geländer sitzen, oder hinter einem Karussell auf einer Kiste, sie wollen auch mit ihrem Tod nicht auffallen. Der Tod hat keine Scherereien mit ihnen, nur die Polizei und die Detektive. Denn die Blamierten haben meist keinen Ausweis bei sich, sie verlieren so etwas, wie sie jeden Sinn für Vorschriften verlieren, und meist auch das Gedächtnis. Zu schwach, um etwas zu behalten, vergeßlich und untauglich, sind sie doch der Freude fähig in ihrer unverletzlichen Erbärmlichkeit. Ein Sonnenkringel auf einer Regenpfütze, ein Stückchen Seidenpapier, das der Wind im Hof höher und höher treibt, genügen, um den wahrhaft Lächerlichen zu entzücken. Aber erst, wenn er auf dem Fußboden liegt oder im Gras und ein Kätzchen oder ein kleiner Hund spielt mit ihm, ist die Freude seiner Erbärmlichkeit nahezu vollkommen.

Auch zu einem Ich kann es der unvergleichlich Lächerliche nicht recht bringen, in seiner verborgenen Lächerlichkeit begreift er nichts von den Absichten und Plänen der Leute, die sich für die Wünsche und Begierden des Ichs quälen. Er sieht in seiner unwissenden Armseligkeit, wie alles vergeht, die Menschen, die Wolken, die Blumen, das Gras und die Hunde, das Gewitter und der Krieg, der Frieden und der Winter, und es wundert ihn Jahr für Jahr, daß er selbst noch nicht vergangen ist, er hat nichts dafür und nichts dagegen getan, es ist ihm gleich, was mit ihm geschieht, er macht sich klein, er hält sich niedrig, weil er keinen Willen hat, hat er kein Ich, weil er kein Ich hat, hat er keine Angst, er ist so töricht, daß er immerzu über sich selbst staunt, denn er allein weiß mit sich nichts anzufangen. Selbstvergessen, bleibt er den Wünschen und den Befürchtungen entrückt, seine törichte Zufriedenheit ist ebenso grundlos wie unerklärlich."