Es ist eine liebe Gewohnheit, in den Tagen der Jahreswende sowohl Rückschau zu halten, als auch Pläne zu schmieden für die Zeit, die nun vor uns liegt. Die Sportler machen in dieser Hinsicht keine Ausnahme, und so kann man gegenwärtig viel Schönes hören von den großen Erfolgen, die unsere sportbegeisterten Männer und Frauen allerorts im letzten Jahre errungen haben. Und die Herren Lobredner haben gar nicht einmal so unrecht. Wir können tatsächlich zufrieden sein.

Aber täuscht dieses Bild nicht? Lassen wir uns nicht blenden von den Siegen und Leistungen einer immerhin doch nur kleinen Gruppe von Spitzenkönnern? Verleugnen wir nicht, bewußt oder unbewußt, die großen Mängel, die unserem Sportbetrieb noch anhaften?

Wie sollte man sich sonst die Aufregung erklären, die ein kürzlich vor der Deutschen Olympischen Gesellschaft gehaltener Vortrag in der Öffentlichkeit hervorrufen konnte? Der Geschäftsführer der DOG, Guido v. Mengden, hatte den Nachweis geführt, daß es eigentlich höchst traurig um unseren Sport bestellt sei. Von tausend Schülern zum Beispiel betreiben – nach Mengden – nur etwa fünfzig ausreichend Sport oder Turnen. "Der Prozentsatz der tatsächlich Leibesübungen treibenden Menschen ist seit zwanzig Jahren in Deutschland der gleiche geblieben, ja, er ist eher leicht rückläufig als fortschreitend", erklärte er und meinte, daß man von der ganzen Situation der Leibesübungen nur als von einer "Katastrophe" und einem "nationalen Versagen" sprechen könne.

Daß die von der DOG zu diesem Vortrage geladenen Politiker, Industriellen, hohen Regierungsbeamten und auch einige Pädagogen erstaunt waren, kann man begreifen.

Was Mengden sagte, ist jedoch keineswegs neu. Wir haben schon immer in der "Zeit" Argumente ins Treffen geführt, leider ebenfalls stets vergebens.

Nun, da wir am Anfang eines neuen Jahres stehen, möchten wir noch einmal an die deutschen Turn- und Sportverbände appellieren: Ihnen sind die wahren Zustände bekannt. Bisher galt ihnen jedoch der Wettkampfsport immer noch mehr, als daß sie energisch daran gingen, den Sport um seiner selbst willen zu propagieren und zu fördern. Ein selbständiger, freier, von allen Freunden der Leibesübungen selbstlos und liebevoll unterstützter und getragener Amateursport. Dann werden sich auch Staat und Städte mehr mit der Verantwortung abfinden, die sie für die Gesundheit der Bevölkerung und der Ertüchtigung unserer Jugend haben.

W.K.